SONNTAGS um zehn : Wenn die Orgel Faxen macht

Ein Besuch in der ältesten Dorfkirche Berlins

G,a Bartels

Feuchtes Laub raschelt schwer unter den Füßen. Die Kirchgänger eilen an diesem kühlen Morgen über den Marienfelder Dorfanger. Über ihnen wacht der trutzige Wehrturm der grauen Feldsteinkirche. Die Dorfkirche Marienfelde ist die älteste der Stadt, um 1220 von Tempelrittern erbaut. Mit anderthalb Meter dicken Mauern, Fenstern wie Schießscharten und einer schweren Holztür. Drinnen ist das Kirchlein aber freundlich und kuschelig warm. Alle reiben sich erfreut die klammen Hände. Den Gottesdienst hält heute nicht der Pfarrer, sondern ein Prädikant. Der Soziologe Karl Griese kümmert sich eigentlich als Diakon um Trauernde im Kirchenkreis, ist aber als Prediger ausgebildet und das heißt dann Prädikant.

Zur Begrüßung beglückwünscht Griese die Leute, überhaupt gekommen zu sein. Angesichts der Kriege und Gewalt im Namen Gottes oder Mohammeds und dem auf der Frankfurter Buchmesse herum- geisternden Schlagwort von der „Gottes-Vergiftung“ oder „Vergiftung durch Religion“ sei das nicht selbstverständlich. „Deswegen bemühen wir uns in der evangelischen Kirche, Glauben in kleinen Dosen zu verabreichen. Dann ist er Medizin und kein Gift.“ Medizin ist auch das verspielte Orgeln von Dorothea Pape, die als Gag gelegentlich das spaßige Pling-Pling eines Glockenspiels erklingen lässt. „Ein Schmunzler zur Auflockerung muss auch sein“, sagt sie hinterher und lobt die Pfeifenorgel, die „viele Faxen“ kann.

In der Predigt geht es um die Sonntagsruhe. Als Einstieg zählt Prädikant Griese auf, was fromme Juden zu Jesus Zeiten am heiligen Sabbat nicht durften und widmet es auf heute um: Sonntagsmahl kochen – nein, lesen – ja, schreiben – nein, Verwandte besuchen – nur zu Fuß, tapezieren oder Marathon laufen – nein. Im Markus-Evangelium lockert Jesus diese Gesetze und sagt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Damit will Jesus den wöchentlichen Feiertag aber nicht für x-beliebige Aktivitäten freigeben, sagt Griese. „Der Sonntag ist als Ruhetag zum Nutzen und zum Schutz des Menschen bestimmt.“ Am Ende fordert er alle auf, ihren Feiertag zu genießen. Aber nicht, ohne vorher noch Schmunzler durch den kleinen Ringelpiez mit Anfassen beim Schlusssegen auszulösen. Gunda Bartels

Einen Gottesdienstüberblick finden Sie immer donnerstags in unserem Veranstaltungsmagazin Ticket.

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