Berlin : Sonntags um zehn: Wenn die Predigt eine Prüfung ist

Christian Domnitz

Er wirke ruhig, sei es aber nicht, sagt die Frau des Vikars. Er gehe erst spät ins Bett, stehe früh auf und denke viel nach. Pfarrers-Anwärter Christian Reich wird geprüft, am Sonntag: Zum Gottesdienst in der evangelischen Hoffnungskirche in Pankow sitzt ein Mann im Anzug mit dabei. Während der Predigt macht er sich Notizen.

Zehn Tage lang habe er am Text gefeilt, sagt Reich. Am Sonntagmorgen hat er sich hingesetzt und den Text doch noch einmal geändert, nachdem ihm in der Nacht neue Ideen gekommen waren. "Vielleicht ist er etwas zu lang", bedenkt er jetzt. Er hatte nicht mehr die Energie, ihn zu kürzen: Vier Stunden nur habe er geschlafen. Jetzt ist er aufgeregt und müde zugleich.

Volker Lübke ist der Mann im Anzug. Als er das Manuskript zum ersten Mal las, sei er skeptisch geworden, sagt er: "Ich habe das Gefühl, dass der Text zu kopflastig ist." Das sei ein Problem: Viele Theologie-Absolventen kennen sich zwar gut aus mit der religiösen Theorie. Aber, sagt Lübke, die Kirchgänger sollen die Predigt doch auch verstehen und mit ihr etwas anfangen können. Und was Vikar Reich versuche - in einem Gottesdienst mit viel Gesang ausgerechnet über Angst zu sprechen -, das sei nicht leicht.

Einen Gottesdienst abzuhalten gehört zum zweiten Examen der Pfarrers-Anwärter. Danach könnten sie eine Gemeinde bekommen, eigentlich: Nicht einmal jeder zweite Vikar wird Pfarrer, weil es zu wenige Stellen gibt. Etwas Schweiß glänzt auf seiner Stirn, als Reich mit der Predigt beginnt.

Wer hilft uns in der Angst? Man hätte sie vor dem Alleinsein, und man hätte Angst vor anderen Menschen. Angst enge ein, sie treibe die Menschen dazu, sich selbst und andere zu belasten. Reich erklärt, was ein Joch ist: Der Balken auf den Schultern, den man zwar tragen muss, mit dem sich aber auch etwas bewegen lässt. Und Jesus - das ist es - erquicke diejenigen, die unter dem Joch beladen seien und sich mühten.

Einige Male verspricht sich Reich, wird dann wieder sicher, spricht akzentuierter, kräftiger, mit noch mehr Mut. Fast flammend: Er schwärmt von einem Leben in innerer Ruhe, ohne Angst, Hetzen und Flüchten. Er ermutigt die Zuhörer, Angst vor ehrlichen Gesprächen zu überwinden, "Blabla-Bekanntschaften" fahrenzulassen, sich sinnloser Moralvorstellungen zu entledigen, wenn sie die Freiheit einengen: Kein "Du sollst" und "Du musst"!

Das abschließende "Lasst uns beten" spricht Reich kraftvoll und ruhig. Der Prüfling zeige eine überzeugende Vortragsweise, räumt Predigt-Prüfer Lübke beeindruckt ein, sein Prädikat: "Schön und anregend".

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