• SONNTAGS um zehn: Wenn Männer zu viel schweigen Evangelischer Männergottesdienst in der Dorfkirche Alt-Reinickendorf

SONNTAGS um zehn : Wenn Männer zu viel schweigen Evangelischer Männergottesdienst in der Dorfkirche Alt-Reinickendorf

G,a Bartels

Was beim Männergottesdienst so los ist, interessiert offensichtlich auch Frauen. Von denen sitzen nämlich mehr in den Bankreihen der Dorfkirche Alt-Reinickendorf als Männer. Volkstrauertag ist hier traditionell Männersonntag. Keine schlechte Idee, wenn man daran denkt, wie die spezielle Seelsorge für Männer in der evangelischen Kirche Deutschlands vor 60 Jahren begonnen hat. Damals wollte man Männern, die der Krieg und das Soldatenleben verunsichert und verzweifelt zurückgelassen hatte, bei der ethischen und emotionalen Orientierung helfen.

Inzwischen sind die Zeiten friedlicher und die Seelennot im Land scheint geringer. Draußen ist diesiger November, drinnen ist kuschelig geheizt. Und die melancholischen Renaissance-Gesänge eines Vokalquartetts passen perfekt zum prächtigen 450 Jahre alten Flügelaltar. Der freundliche Männerpfarrer Johannes Simang trägt sein weißes Haar schulterlang und predigt erbaulich für mehr Mitgefühl und Miteinander zwischen den Geschlechtern und unter den Menschen.

„Sie alle kennen es, wenn Männer schweigen“, sagt der Pfarrer. Die Einsamkeit von Männern, die in der Familie oder im Betrieb immer so täten, als hätten sie stets alles im Griff, verwunde die Seele. Gegen diese Isolation arbeitet die Männerseelsorge. „Männlichkeit ist eine hoch riskante Lebensform“, meint Simang und belegt das mit einer Zahlenflut, die die gepflegte Sonntagsstimmung sprengt: Männer lebten sieben Jahre kürzer als Frauen. Sie gingen 25 Prozent weniger zum Arzt, aber lägen dann deutlich länger im Krankenhaus. Drei Viertel aller Selbstmörder seien Männer und die meisten Mordopfer ebenfalls. Zwei Drittel aller Schulklassenwiederholer sind Jungs und und und…

Männer bräuchten Begleitung in diesen Einsamkeiten, sagt der Pfarrer und verweist auf die Männergruppen der Berliner Kirchengemeinden. So wie Jesus in der Bibel einen lahmen Mann heilte, indem er ihn ansah, ernst nahm und aufforderte, neue Wege zu gehen, könnten Männer Vertrauen und Hilfe annehmen lernen. Flucht in Arbeit, Alkohol oder Gewalt taugten jedenfalls nicht zur Konfliktlösung.

Am Ausgang steht dann auch Pensionär Dieter-Georg Hanke vom Männerkreis Alt-Reinickendorf und drückt den Kirchgängern zum Abschied herzlich die Hand. Zu zehnt treffen sie sich einmal im Monat und reden über Beruf, Familie und was sonst so ansteht. Ob das im Leben hilft? Den anderen bestimmt, lächelt der beschlipste Herr und sagt so verbindlich wie bestimmt: „Ich persönlich hatte nie Probleme.“ Gunda Bartels

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