SONNTAGS um zehn : Werben für den Dialog

Bischof Markus Dröge eröffnet die christlich-jüdische Woche der Brüderlichkeit

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Die Melodie klingt fremd, orientalisch: „Hine hu oomed“, singt die jüdische Kantorin Jalda Rebling, ganz in Schwarz, während sie am Sonntagnachmittag feierlich durch den Mittelgang der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt schreitet. Unter der Kanzel beendet sie mit geschlossenen Augen das „Lied der Lieder“ auf Hebräisch.

Es ist der offizielle Beginn der „Woche der Brüderlichkeit 2010“: Bis zum 14. März wird es überall in der Stadt um den interreligiösen Dialog zwischen Christen und Juden gehen – in Vorträgen und Diskussionen, in Konzert, Theaterstück, Tanzabend und Workshop. 1952 wurde die Woche zum ersten Mal veranstaltet. Organisiert wird das Programm von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Berlin (GCJZ).

„Christen und Juden schöpfen weitgehend aus derselben Quelle“, sagt Ulrich Schürmann, evangelischer Vorsitzender der GCJZ, nachdem Jalda Rebling sich zum Applaus des Publikums verbeugt hat. Das Lied, das sie gesungen hat, ist sowohl ein Buch des jüdischen Tanach als auch des christlichen Alten Testaments. Das „Hohelied Salomos“ nannte es Martin Luther. „Für Juden und Christen gelten dieselben Maßstäbe“, sagt Schürmann. Doch die seien vielen Menschen verlorengegangen. Deshalb habe man in diesem Jahr genau das als Motto für die Woche der Brüderlichkeit gewählt: „Verlorene Maßstäbe.“ Er denke da etwa an die Verursacher der Wirtschaftskrise, an die zunehmende „Geiz-ist-geil-Mentalität“ der Arbeitgeber, sagt Schürmann. Und auch an die aktuellen Fälle, in denen sich Opfer von Kindesmissbrauch in verschiedenen religiösen Institutionen zu Wort gemeldet hätten. Als positives Gegenbeispiel nennt Schürmann den Rücktritt von Margot Käßmann von ihrem Amt als Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, nachdem sie als alkoholisierte Verkehrssünderin erwischt worden war: „Sie hat die Konsequenzen gezogen und damit Maßstäbe und Werte geachtet.“

Auch Bürgermeisterin Ingeborg Junge-Reyer ist in die Friedrichstadtkirche gekommen: „Die Woche der Brüderlichkeit hat viel dazu beigetragen, ein Klima der Toleranz in der Stadt zu schaffen – für Menschen jeder Herkunft und Religion“, sagt sie. Und Georg Kardinal Sterzinsky, Erzbischof von Berlin, merkt in einem Grußwort an, dass Juden und Christen gemeinsam handeln und neue Maßstäbe finden müssten. Das ist ganz im Sinne von Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin. Am Montagabend wollen die beiden bei der Veranstaltung „Suchet der Stadt Bestes“ über ein gemeinsames jüdisch-christliches Engagement diskutieren. Jetzt, am Sonntag, humpelt Lala Süsskind nach einem Skiunfall auf Krücken zum Rednerpult und sagt: „Das christlich-jüdische Verhältnis hat inzwischen Substanz.“ Doch sie findet, dass der Dialog oft noch nicht weit genug gehe, etwa in Bezug auf die Seligsprechung Pius’ XII., des während des Holocaust amtierenden Papstes. Trotzdem fühle sie sich in der Friedrichstadtkirche sehr „heimisch“. Auch wegen der Menora, des siebenarmigen Leuchters, der neben ihr unter der Kanzel steht.

Schließlich hält Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, den Festvortrag: „Keine Religion ist eine Insel“, zitiert er den jüdischen Religionsphilosophen Abraham Heschel. Es gehe nicht nur darum, das „jüdisch-christliche Erbe zu bewahren“. Es müsse vielmehr die Frage beantwortet werden, wie „Juden, Christen, Muslime und Menschen anderer Religionen in der globalisierten Welt ohne Preisgabe der eigenen Traditionen in Toleranz und Respekt miteinander leben können“. Daniela Martens

Informationen zur Woche der Brüderlichkeit unter www.gcjz-berlin.de

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