SONNTAGS um zehn : Wippen und schnippen

Die Berliner Stadtmission eröffnet ihre neue Kapelle – mit Fußbodenheizung.

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Da fehlt immer noch etwas, kein Zweifel, dabei haben sie eben schon Kreuz, Kerzen und Bibel auf den schmalen Altartisch gestellt und gelegt. Was also ist falsch? Drei Kinder wollen sagen, was.

„Der Kinderraum fehlt!“, das stimmt zwar, ist aber nicht gemeint. „Die Kabel hängen aus der Wand!“, stimmt auch, ein bisschen ist hier noch Baustelle, trotzdem nein. „Der Adventskranz!“ Genau. Der steht da noch in der hintersten Ecke. „Hilfst du mir, ihn anzuzünden?“, fragt Pastor Thomas Hölzemann den richtigen Rater, „also nur die Kerzen, nicht den Kranz.“ Da lacht die Gemeinde, die sich ohnehin sehr vergnügt gestimmt in der Stadtmission am Hauptbahnhof eingefunden hat. Denn es waren nicht nur zweiter Advent und erster Schnee, es war auch Einweihung der neuen Kapelle, die das kleine Räumchen im Eingangsbereich des Gemeindezentrums ersetzt, das zuvor für Gottesdienste reichen musste.

Und wie: mit Fensterfront zum Garten und Fußbodenheizung, mit hellen Farben, viel Licht und an diesem Sonntag mit Musik vom Gemeindechor, der mit Mikrofonen, Gitarre, Geige, Piano, Bass und Schlagzeug ausgerüstet ist wie eine Band. So ähnlich wirkt er auch. Während der vielen Lieder wird in den Stuhlreihen, die immer weiter aufgestockt werden, gewippt und geschnippt. Unter den Wippern und Schnippern sind viele Chinesen der Chinesischen Allianz Kirche, die in den Stadtmissionsräumen sonntagnachmittags Gottesdienste feiern, für die Kapelleneinweihung aber schon um elf Uhr gekommen sind. „Ausschlaffreundlich“, wie Pfarrer und Vorstandssprecher Hans-Georg Filker findet. Er hält die Einweihungspredigt, in der es um den Dialog geht, den Christen mit Gott führen sollen.

Worum geht es, das sei die Frage, sagt Filker. Um das neue Gebäude hier? Die Gemeinde? Nein. „Es geht nicht im Wesentlichen um uns, es geht um Jesus Christus, auf ihn verweisen wir.“ Und das sei ein Glück. Weil es so auf die Fragen: Wem gehört das hier alles, wer hat das Sagen, eine Antwort gebe. Gott.

Von dort kommt Filker zu der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Welche das sei. Er erzählt von Menschen, die sich selbst als gerecht betrachten, weil sie immer anständig leben, weil sie ehrenamtlich helfen, in der Stadtmission Stullen schmieren, oder oft in der Kirche seien. Ob das denn nicht reiche?, fragten die. Nein, sagt Filker. Viel zu menschlich gedacht. Die Gerechtigkeit Gottes kann der Mensch nicht schaffen, die bekommt er als Geschenk. Sie sei dort, wo der Schleier fällt und das Evangelium ihm aufgeht. Seine Leistung sei allein, das Geschenk anzunehmen. Ariane Bemmer

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