Berlin : Sonntags um zehn: Wo bleibt die frohe Botschaft?

Alexander Pajevic

Nun ist der Dom so schön restauriert und mit all seiner Geschichte doch eigentlich das Gotteshaus Berlins. Dennoch waren die Bankreihen am zweiten Weihnachtsfeiertag nur dünn besetzt. Ist Berlin vielleicht doch eine gottlose Stadt, auch wenn Bischof Huber just unlängst alle Neuankömmlinge beschwor, das gerade nicht zu glauben?

Oder mag es daran liegen, dass der erzprotestantische Duktus des Dom-Gottesdiensts nicht so recht zum Neuen Berlin passen will? Neben dem riesigen Baum - natürlich nur mit Kerzen geschmückt - hagelte es Ermahnungen und Sündenbekenntnisse. Zu Beginn des Gottesdienstes ermahnte Domprediger Friedrich-Wilhelm Hünerbein die Besucher, während des Orgelnachspieles sitzen zu bleiben und wies drauf hin, dass der Haushaltsplan der Gemeinde zur Einsicht ausliege. "Auch zur Weihnachtszeit müssen wir an wirtschaftliche Dinge denken", sagte er. Ach je, müssen wir das?

Von froher Botschaft war dann auch lange Zeit keine Rede, was sich auch nicht so richtig ändern wollte, als der Präsident der Evangelischen Kirche der Union Wilhelm Hüffmeyer schließlich die Kanzel zur Predigt erklomm. Von oben blickten gestreng Luther, Melanchthon, Calvin, Zwingli herab und deuteten mahnend auf die Heilige Schrift in ihren steinernen Händen. Dazu passte der Predigttext aus Jesaja: Die Prophezeiung beschreibt, wie es allen bösen Menschen an den Kragen gehen soll, bevor es richtig nett wird.

"Die Nadeln am Tannenbaum sind schon ein wenig grau und der weihnachtliche Glanz hat an Kraft verloren", begann Hüffmeyer desillusionierend seine Predigt über diese Vision. Für Christenmenschen stelle sie keineswegs eine Utopie dar, sondern verspreche die Erfüllung einer wunderbaren Verheißung, die nach Hüffmeyer anscheinend in erster Linie in dem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und erst zweitrangig im Frieden zu bestehen scheint.

Nun begab es sich aber zu der Zeit, als Hüffmeyer zu predigen anhub, dass ein Mann mit zerrissenem Mantel und vielen Taschen den Dom betrat. Er setzte sich in die letzte Bankreihe, von wo aus er sich neugierig umschaute und den gestrengen Reformatoren an der Decke einmal sogar vergnügt zuzuzwinkern schien, wohl in der Freude darüber, dass es im Dom wärmer ist als vor dem Dom. Nach dem Gottesdienst - tatsächlich hatten die meisten Besucher auch während des Orgelnachspiels geduldig in den Bänken verharrt - verkaufte er draußen gut gelaunt eine Obdachlosenzeitung und schenkte jedem Kunden ein Stück Tannengrün. So wurde es zum Schluss doch noch sehr weihnachtlich.

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