SONNTAGS um zehn : „Wollt auch ihr weggehen?“

Von Himmel und Erde: Gottesdienst in Marzahn.

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Die „Kirche von der Verklärung des Herrn“, ein Backsteinbau der Achtziger samt Vierkantturm mit Goldkreuz, steht in Marzahn zwischen Familienhäuschen und wuschigen Gärten, am Horizont Wohnsilos. Am Eingang des Kultraumes: eine Schale mit Oblaten. Die Bänke sind mit älteren Gläubigen, einigen jüngeren, etlichen vietnamesischen, mit Gästen aus Sachsen und einem müden Krakeeler besetzt. Den Priester, begleitet von einem graumelierten Helfer im Chorrock, von drei langhaarigen Mädchen und einem Jungen in grauen Engelskleidern, schmückt selbst ein sommergrünes Gewand. Er bittet mit erhobenen Armen Gott um Hilfe, „in der Unbeständigkeit dieses Lebens unsere Herzen dort zu verankern, wo die wahren Freuden sind.“

Knapp unterm Dach sieht man, durch 30 Fensterquadrate, eingekasteltes Himmelsblau, Wanderwolken. Es wird wacker georgelt, gesungen. Bei Gequieke aus der Kinderecke schaut die Gemeinde in steifer Toleranz nach vorn. Zwei Lesungen beschreiben Entscheidungsszenen: Wie vor 3200 Jahren der Stammesführer Josua den Nomaden Israels sagt, jeder möge seinen Weg wählen, aber „ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“. Wie vor 2000 Jahren dem Rabbi Jesus vorgeworfen wird, seine Worte seien „unerträglich“; worauf dieser seine Vertrauten fragt: „Wollt auch ihr weggehen?“ Der Priester zitiert den Theologen Karl Rahner: Der Christ der Zukunft werde „Mystiker“ – oder gar nicht sein. Heute sei ja Gewohnheitsreligiosität längst weggebrochen: „Wer noch kommt und dranbleibt, hat Erfahrungen gemacht.“ Zum Beispiel, dass man Herausforderungen meistern, „über Mauern springen“ könne. „Bitten wir um das Wahrnehmungsorgan, das uns hilft, sogar Schmerzen als Sprache des liebenden Gottes zu deuten.“

Die Predigt hat die Stimmung unter den Anwesenden gelockert, obwohl sie nicht wirken, als lasse ihnen das Leben in dem hoch betonierten Bezirk viel Kraft, über Mauern zu springen. Zwei Männern in Dreiviertel-Shorts bringen die Oblatenschale zum Altar, über dem ein verkrümmter Vier-Meter-Kruzifixus von 1930 an der Wand hängt. Aus den Füßen der Figur treten zwei Nägel wie riesige Dornen heraus. Der Priester spricht Gebete über den Mehlplätzchen und einem Kelch voll Wein, die, so sagt er, in den Leib und das Blut „unseres Herrn Jesus Christus“ verwandelt werden. Viele kommen an den Altarraum, erhalten eine Oblate, beten dann an ihrem Platz mit geschlossenen Augen. Zuletzt sagt der Priester: „Geht, ihr seid Gesandte.“ Der Name der katholischen Kirche von Marzahn bezieht sich auf einen biblische Erzählung, in der Freunde des Rabbis Jesus an einem normalen Alltag bei einer gemeinsamen Bergtour erleben, wie der Himmel auf der Erde sichtbar wird. Thomas Lackmann

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