SONNTAGS um zehn : Zeichen für die Zukunft

Der Gedenkweg der Kirchen zur Reichspogromnacht

G,a Bartels

Der Aufstand der Anständigen, auch der anständigen Christen, blieb aus. Damals, vor 70 Jahren, als die Nazis die Synagogen der jüdischen Schwesterreligion ansteckten. Die Kirchenglocken schwiegen, als die Tempel brannten. Sonntagnachmittag läuten sie laut und scheppernd rund um den Alexanderplatz. Ein Gedenkzeichen der Kirchen zum Jahrestag der Reichspogromnacht. 2000 Menschen sind zum ersten gemeinsamen Gedenkweg der evangelischen und katholischen Kirche und des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg gekommen, der auch eine Art Bußweg ist.

„Zeit vergeht – Verantwortung nicht“ ist das Motto des Zuges, der mit Bürgermeister Klaus Wowereit, Bischof Wolfgang Huber und Georg Kardinal Sterzinsky an der Spitze vom Roten Rathaus zur Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße führt und dort von Lala Süsskind, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, begrüßt wird. Letztere sollte abends auch im jüdischen Gemeindehaus Fasanenstraße mit Wowereit der Reichspogromnacht gedenken

Wach und nachdenklich blicken die Leute. Darunter eine 29-jährige Touristin aus Greifswald, die spontan ihr Besichtigungsprogramm gekippt hat, als sie vom Gedenkweg hörte, ganze Familien und Rentner mit Israel-Fähnchen und Stickern, auf denen „Shalom“ steht. Und auch die Bischöfe und der Bürgermeister – sonst von Amts wegen routinierte Gedenkprofis – sind sichtlich engagiert, als sie sich zum Versagen der Anständigen und der Kirchen nach der Reichspogromnacht bekennen.

„Wo es keinen Respekt vor dem Heiligen gibt, gibt es auch keinen Respekt vor den Menschen“, sagt Huber und erklärt den Gedenkweg gemeinsam mit Wowereit zum „Zeichen für die Zukunft“. Gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsradikalismus, Ausgrenzung jeder Art und für eine wehrhafte Demokratie. „Dafür stehen Berlin und die Kirchen der Stadt“, sagt der Bürgermeister. Gunda Bartels

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