Sonntags um zehn : Zu Gast beim Fernsehgottesdienst in der Flüchtlingskirche

Das Elend der Anderen nicht länger ignorieren! Beim ZDF–Fernsehgottesdienst aus der Flüchtlingskirche St. Simeon in Kreuzberg predigt Generalsuperintendentin Trautwein, dass alles mit allem zusammen hängt.

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Wie aus dem Drehbuch: Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein hielt die Predigt in der Flüchtlingskirche.
Wie aus dem Drehbuch: Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein hielt die Predigt in der Flüchtlingskirche.Foto: ari

Als sich Samstag bei der Generalprobe herausstellte, dass die 44’30 so nicht zu halten sein würden, flogen Teile aus Ulrike Trautweins Predigt raus. Trautwein, Berlins Generalsuperintendentin, lacht, als sie das sagt: Macht nichts! Dann müssen alle auf ihre Plätze, die Orgel spielt, und Kamera ab. Es beginnt der ZDF-Fernsehgottesdienst, wie immer live, diesmal – das war lange geplant – aus der Flüchtlingskirche St. Simeon in Kreuzberg.

Seit Freitag hatten sie aufgebaut. Grelles Licht montiert, dicke Kabel verlegt, Kameras, Ton, was man alles braucht. Vier Lastwagen aus Mainz und mehr als 20 Mitarbeiter waren angereist.

Produktionsleiterin Elvira Stolzenberger dirigierte den Trupp mit Klemmbrett und Gelassenheit, bis zuletzt, als sie am Sonntag um kurz vor halb zehn die Gottesdienstbesucher einzeln bitten musste, sich weiter nach vorne zu setzen, damit die ersten Reihen nicht so leer aussehen. Die Unwilligkeit der meist älteren Gottesdienstbesucher nahm ein Stück der Predigt schon vorweg: dass es nur miteinander geht. Dass jeder etwas tun kann und tun sollte für das Gelingen des großen Ganzen.

Berichte sind nicht mehr in der Ferne

Darum ging es nach viel gut geprobtem Gesang und drei kleinen Ansprachen von den ehemaligen Flüchtlingen Mohammed Jounis, der heute Medizin studiert, und Feride Berisha, die heute „Asyl in der Kirche“ leitet, und Hansjörg Behrendt vom Reinickendorfer Willkommensbündnis. Die drei hatten über ihr Leben gesprochen. Jouni und Berisha über das schwere Ankommen, Behrendt über wohltuendes Helfen und die Tücken der Bürokratie.

Mit dem Satz, dass alles miteinander zusammenhängt, begann danach Ulrike Trautwein. Früher seien Berichte über Syrien, Libyen oder Irak Berichte aus der Ferne gewesen, ignorierbar. Das sei heute anders. „Ich kann nicht mehr so tun, als hätte mein Leben nichts mit dem Leben der Menschen in anderen Teilen der Welt zu tun.“ Sie nahm das Bild vom Körper, der aus vielen Teilen besteht, das einst Apostel Paulus für die Kirche entworfen hatte, und malte es für die Erdbevölkerung. „Wie die Gliedmaßen an einem Körper“, so gehörten alle Menschen zusammen. Das wisse im Grunde auch jeder.

Die Industrienationen haben gut gelebt - auf Kosten der Anderen

„Die Industrienationen haben jahrzehntelang alles getan für freie Märkte“ und daran gut verdient, „nur die Menschen, um die es dabei geht, die haben wir vergessen.“ Und jetzt seien diese Menschen hierhergekommen. Jetzt lasse sich das Missverhältnis nicht mehr wegschieben oder ignorieren. Was sie daraus folgert, ist, dass man „miteinander“ denken müsse. Sich abschotten zu wollen, sei sinnlos, weil eben alles mit allem zusammenhänge. Wie es dem ganzen Körper nicht gut gehe, auch wenn nur das Knie kaputt sei. Mit Blick auf die Kölner Silvesternacht fügte sie an, dass natürlich gegen Kriminelle etwas unternommen werden müsse. Sie schloss mit der Aufforderung, „Kraft, Phantasie und Geduld“ aufzubringen, um die Welt etwas gerechter zu machen.

600 000 Zuschauer hat die Sendung im Schnitt

Während der Fernsehübertragung, die rund 600 000 Zuschauer hat, konnten per Mail Fragen an die Redaktion geschickt werden, die live aus dem Kirchenraum beantwortet wurden. Wie es um die Deutschenfeindlichkeit der Ausländer stehe, hieß eine. Die ging an Mohammed Jounus. Als er sich noch mal auf Köln bezog und vor pauschalen Zuschreibungen warnte, wurde spontan geklatscht. Zum Abschluss sang Jocelyn B. Smith mit der Gemeinde „Shine a Light“. Dann gingen die Kameras aus, war die Sendung vorbei, und es gab Kuchen.

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