SONNTAGS um zehn : Zum Wasser des Lebens für 25 Euro

Familiengottesdienst in der evangelischen Zionskirche in Mitte

Heidemarie Mazuhn

Die Häuser rings um die Zionskirche in Mitte überstrahlten sich gestern in der Vormittagssonne gegenseitig mit ihrer pastellenen Farbenpracht, die sie nach der Wende erhalten haben. Der „Dom des Nordens“ – so wurde die Zionskirche einst auf Grund ihrer Pracht bezeichnet – macht in dieser Umgebung augenblicklich eine traurige Figur. Im Kirchenschiff des 1873 in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. geweihten und von ihm auch gestifteten Gotteshauses blättert der Putz wie weiland zu DDR-Zeiten an den Fassaden des einstigen Arbeiterviertels. In dem wohnen heute überwiegend zugezogene junge Leute, die sich die sanierten Wohnungen leisten können und darin eifrig Familien gründen. Was die Zionsgemeinde, die mit ihrer offenen Sympathie für die politische Opposition der DDR einst Schlagzeilen machte, erfreulich gedeihen lässt.

Dass auch die „Neuen“ engagiert sind, zeigte gestern der zahlreich besuchte Familiengottesdienst – einer von acht Gottesdiensten in der Zionskirche, die inhaltlich dem G-8-Gipfel zum gerechten Wirtschaften gewidmet sind.

„Gerechtigkeit ist konkret“ war das Thema, das die junge Pfarrerin Eva-Maria Menard ohne groß zu predigen, dafür aber anschaulich auch den Jüngsten nahe bringen wollte. Nach Tamil Nadu in Südindien ging die liebevoll vorbereitete Reise. Mit fremden Klängen, mit Gewürzen und Spezialitäten, die man reihum in den Kirchenbänken schnuppern und kosten konnte, wurde die exotische Ferne näher gebracht. Auch deren Nöte wie Wasserknappheit und Kinderarbeit statt Schulbesuch. Dazu durften die Kleinen in der Kirche auf Wassersuche gehen. Wasser gibt es in der Oase, und so eine ist Elim, erfuhren sie. So heißt das Ausbildungsprojekt für geistig behinderte Kinder in Tamil Nadu. Nur 25 Euro bedarf es dafür, dass ein Kind dort monatlich vom Wasser des Lebens trinken kann, sprich: lesen und schreiben lernt. So wie der zehnjährige Pupadi, dessen Brief gestern vorgelesen und auf vielen Zetteln sogleich von Groß und Klein in der Kirche beantwortet wurde.

Die Gemeinde selbst sei eine Oase, an deren Quelle man seinen Glauben speise. Gott habe uns aufgetragen, Menschen zu dieser Quelle zu führen, sagte die Pfarrerin und machte auch das gestern anschaulich. Die Zionsgemeinde wuchs durch Taufe um zwei neue Mitglieder. Viele blieben noch, um nach dem Gottesdienst bei einem Kaffee über Gerechtigkeit und die Wege zum Wasser des Lebens zu sprechen. Heidemarie Mazuhn

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