Berlin : Sonntags ums zehn: 93 Namen, 93 Opfer

Michael Braun

93 Tote. 93 Namen der Opfer liest Pfarrer Hans Hagen vor, sagt auch, wie sie getötet wurden. 93 Mal zündet dazu ein Gemeindemitglied eine Kerze an. Andere tragen Schilder mit den Namen vor den Altar. Eine bedrückende halbe Stunde lang. Danach folgt auf der Orgel das Requiem aus "Faust" von Peter Eben, alptraumhaft, abgründig, traumatisch.

"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch", zitiert der Pfarrer Brecht. 28 Ausländer und Asylsuchende, 34 Linke, Alternative und Hausbesetzer, 18 Obdachlose und Sozialhilfeempfänger und ein Homosexueller, sagt er: "Es sind dieselben Opfer wie damals."

Am Volkstrauertag in der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche im Hansaviertel widersteht Pfarre Hagen "der Versuchung für die Kirche, möglichst allen gerecht zu werden", und hält einen Gedenk- und Trauergottesdienst für die Opfer rechter Gewalt.

Der Volkstrauertag wurde ursprünglich eingeführt, um der im Ersten Weltkrieg getöteten Soldaten zu gedenken, sagt Hagen, die Nationalsozialisten machten ihn zum Heldengedenktag, und nach dem Krieg sollte man der Opfer der beiden Weltkriege und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedenken.

"Der Versuchung widerstehen, möglichst allen gerecht zu werden" - Hagen spricht nicht aus, dass man nicht Tätern und Opfern am selben Tag gedenken kann. Er stellt sich auf die Seite der Opfer, wenn er sagt: "Es ist an der Zeit, sich der aktuellen Gefährdung anzunehmen."

Im Gottesdienst dabei ist Gabi Jaschke vom Verein "Opferperspektive", der Opfer rechtsextremer Gewalt in Brandenburg berät und unterstützt, für ihn ist auch die Kollekte des heutigen Tages bestimmt. Gekommen sind auch Besucher einer Wärmestube, sie erinnern an die Nichtsesshaften, die erschlagen wurden.

Das Evangelium erzählt die Geschichte von der Ehebrecherin, die von den Pharisäern zu Jesus gebracht wird. Laut Gesetz, sagen die Schriftgelehrten, müsse sie gesteinigt werden: "Was sagst du?" Jesus antwortet: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie", und nach und nach verlassen die "Gesetzestreuen" den Platz. "Auch in der Nazizeit hatten viele Mörder das Gesetz voll auf ihrer Seite, es gab die Nürnberger Gesetze", sagt Pfarrer Hagen, "aber Jesus stellt Gottes Liebe über die Gesetze."

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