Berlin : Sonntagsstau an der Supermarkt-Kasse

Wenn am Wochenende die Geschäfte ruhen, machen Einkaufszentren an Bahnhöfen Rekordumsätze

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Von Stephan Wiehler

Sonntagnachmittag auf dem Berliner Ostbahnhof. In der Schalterhalle und an den Bahnsteigen geht es trotz regen Reiseverkehrs ein wenig gemächlicher zu als an Werktagen. In der Ladenpassage im Erdgeschoss ist vor allem Reisebedarf gefragt. Gut besucht sind der Zeitungsladen, die Stehcafés und der Backwarenstand. In der Postfiliale oder der Apotheke haben die Angestellten kaum etwas zu tun.

Nur eine Rolltreppe tiefer ist dagegen von Wochenende kaum etwas zu spüren. In den beiden Supermärkten Lidl und Minimal herrscht auch am Sonntag Hochbetrieb, als stünden mehrere verkaufsfreie Feiertage vor der Tür. In der Minimal-Filiale, die täglich von 7 bis 21 Uhr geöffnet hat, sind alle vier Kassen in Betrieb. Lange Schlangen drängeln sich davor. Nebenan im Lidl-Markt das gleiche Bild. Der Andrang der Kauflustigen reicht am Sonntag locker für beide Konkurrenten. Das Angebot ist reichhaltig, obwohl der Sonntagsverkauf nach geltendem Recht eigentlich nur den Reisebedarf abdecken darf. Doch die wenigsten Kunden haben Reisegepäck dabei. Hier unten spielt der Bahnhofsbetrieb nur eine Nebenrolle, ein viel größerer Standortvorteil für das Sonntagsgeschäft scheint das Parkhaus nebenan.

„Am Wochenende machen wir am Ostbahnhof die größten Umsätze“, sagt Wolfram Schmuck, Sprecher des Rewe-Konzerns, zu dem auch die Minimal-Kette gehört. „Der Sonntag ist der Spitzentag.“ Schmuck führt das allerdings weniger auf ein verändertes Freizeitverhalten zurück als auf den Ausnahmecharakter des Sonntagsverkaufs. „Wir profitieren davon, dass nur wenige Supermärkte geöffnet haben.“

Die Einkaufswagen sind bunt gefüllt, von Frischwaren wie Gemüse, Obst oder Fleisch bis Tiefkühlkost. Freizeitspezifisch ist vor allem die Auswahl vieler männlicher Kunden, die palettenweise Dosenbier und andere Alkoholika auf die Laufbänder stellen. Vom gewöhnlichen Werktagsgeschäft in irgendeinem Supermarkt der Stadt unterscheidet sich hier nur wenig. Wer allerdings vermutet, dass im Ostbahnhof am Sonntag vor allem diejenigen einkaufen, die dafür in der Woche keine Zeit finden, sieht sich getäuscht. Workoholics mit 16-Stunden-Tag und Single-Haushalt bilden die Ausnahme, und kaum jemand nutzt den sonntäglichen Ausflug in den Supermarkt zum Großeinkauf für die ganze Woche.

Zwischen den Regalen des Minimal-Marktes hat nur ein junges Paar aus Lichtenberg seinen Einkaufswagen auffällig voll geladen. Eine Ausnahme, erklären Andrea und Nico, beide Anfang dreißig. „Wir sind dieses Wochenende aus dem Türkei-Urlaub zurückgekommen, unser Kühlschrank ist leer. Sonst würden wir am Sonntag nicht einkaufen.“

Auch Jürgen am Regal mit dem Salzgebäck kauft normalerweise nicht am Sonntag ein. „Da kann ich mir Schöneres vorstellen, als in den Supermarkt zu gehen“, erklärt der 52-Jährige. Einen generellen Sonntagsverkauf müsse es für ihn nicht geben, einen Tag vor seinem Geburtstag kommt ihm die Gelegenheit allerdings ausnahmsweise recht. „Ich möchte für die Kollegen im Büro eine Runde schmeißen und nur ein paar Knabbereien und Getränke kaufen“, sagt der Bahn-Angestellte.

An der Frage des Sonntagsverkaufs scheiden sich die Geister, auch im sonntäglich geöffneten Supermarkt. „Ich habe den Sonntagseinkauf zu schätzen gelernt“, sagt Ursula. Zwar habe sie auch in der Woche genügend Zeit einzukaufen, aber: „Meistens brauche ich immer dann etwas, wenn die Geschäfte gerade geschlossen haben.“ An diesem Sonntag ist der 50-Jährigen spontan die Idee gekommen, etwas für ihre Kreuzberger Wohngemeinschaft zu kochen. Grundsätzlich sei aber auch sie keine Befürworterin des Sonntagsverkaufs. „Es sollte auch einen Tag in der Woche geben, an dem die Geschäfte ruhen.“

Mit dieser Einstellung ist die Kreuzbergerin nicht allein – trotz des sonntäglichen Kundenandrangs an verkaufsoffenen Verkehrsknotenpunkten wie dem Ostbahnhof oder anderen Sonntagsverkaufsaktionen. Freizeitforscher begründen den regelmäßigen Erfolg von Sonntagsverkäufen vor allem mit ihrem Ausnahmecharakter. „Diese Erfahrung machen wir auch in unseren Einkaufzentren“, sagt Rewe-Sprecher Wolfram Schmuck. „Die Kunden kommen, weil der Sonntagseinkauf dort, wo viele Geschäfte gleichzeitig geöffnet sind, immer noch ein außergewöhnliches Ereignis ist, das als zusätzlicher Anreiz der Freizeitgestaltung erlebt wird.“ Schmuck hält jedoch wenig davon, die Ausnahme zur Regel zu machen, obwohl auch er sich – wie viele im Einzelhandel – für eine weitere Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten stark machen. „Wir haben schon bei den verlängerten Öffnungszeiten bis 20 Uhr erlebt, dass sich das Kaufverhalten nur verlagert, aber keine zusätzlichen Umsätze erbracht hat.“ Eine generelle Freigabe des Sonntagsverkaufs sei schon deshalb wenig sinnvoll: „Das lohnt sich nicht.“

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