Sonntagsverkauf : Aufstand gegen Posemuckel

Viele Händler im Hauptbahnhof kämpfen für den Sonntagsverkauf. Einige tarnen ihre Ware als Souvenire. Am Ostbahnhof und an anderen Stationen sind die Läden dagegen offen.

von
Offensive für Umsatz. Die Initiative „Willkommen in Posemuckel“ wirbt am Hauptbahnhof für die Sonntagsöffnung von Geschäften. Nach dem Landenöffnungsgesetz darf hier an Sonn- und Feiertagen nur verkaufen, wer Reisebedarf oder Souvenirs anbietet. Das bezirkliche Gewerbeamt hat Verstöße schon mit Bußgeldern geahndet. Foto: Uwe Steinert
Offensive für Umsatz. Die Initiative „Willkommen in Posemuckel“ wirbt am Hauptbahnhof für die Sonntagsöffnung von Geschäften. Nach...Foto: uwe steinert

Ein kleiner, unscheinbarer Aufkleber mit der Aufschrift „Eine schöne Erinnerung an Berlin“, ziert nun jeden Schuhkarton. „Sind Schuhe für Frauen nicht auch Souvenirs?“, fragt Bernd Steinauer, Geschäftsführer der Tamaris-Filiale im Hauptbahnhof. Schließlich gilt das auch für T-Shirts, wenn auf ihnen ein Ampelmännchen zu sehen ist. Bernd Steinauer versucht, die Definition auszureizen, um weiterhin auch sonntags öffnen zu dürfen. Souvenirs zu verkaufen, das ist ja schließlich erlaubt. Diese kleine Posse soll jedoch nur die Zeit überbrücken, bis das eigentliche Ziel erreicht ist: Steinauer ist Initiator einer Protestaktion, die seit vergangener Woche für die Sonntagsöffnung im Hauptbahnhof kämpft. Sein Schuhladen ist eines von vier Geschäften, die trotz des eindeutigen Berliner Ladenöffnungsgesetzes weiterhin die Türen aufmachen.

Warum gerade der letzte Tag der Woche so interessant ist, erschließt sich jedem Besucher sofort. Vier Mitarbeiterinnen des Schuhgeschäfts bedienen am Vormittag 20 Kunden, an der Kasse bilden sich Schlangen. So hängen die Protestplakate mit der Aufschrift „Willkommen in Posemukel!“ auch in vielen jener Geschäfte, die am Sonntag dunkel bleiben. Junge Frauen in orangefarbenen T-Shirts verteilen Postkarten an Verbraucherschutzsenatorin Katrin Lompscher (Linke). „Sie wird viel tausende Karten bekommen“, sagt Toni Brentrup, Geschäftsführer der Gerry-Weber-Filiale. Auch sein Laden ist am Sonntag gut besucht, er verkauft nun „I love Berlin“-T-Shirts. Doch die „Souvenirs-Nummer“ sei auf Dauer keine Lösung, sagt er. 24 weitere Geschäfte machten schließlich sonntags nicht mehr auf, seit es im Dezember vergangenen Jahres Kontrollen gab. Zuvor war der Sonntagsverkauf knapp drei Jahre lang geduldet worden. Seit das Gewerbeamt Kontrollen durchgeführt hat, müssen Ladenbesitzer Bußgelder bis zu 15 000 Euro fürchten.

Brentrup und Steinauer lassen sich davon nicht einschüchtern. Sie wollen einen Sonderstatus im Gesetz, wie ihn bisher nur der Flughafen Tegel hat. „Es kann doch nicht sein, dass in einem Bahnhof, der als Aushängeschild einer Weltstadt eröffnet wurde, sonntags die Läden geschlossen sind“, sagt Brentrup. In anderen Metropolen der Welt sei das undenkbar.

Der traditionelle Ruhetag wirkt weniger heilig, wenn man sich am Sonntag auf eine Tour durch die Berliner Bahnhöfe begibt. Wie ein kleines Einkaufszentrum präsentiert sich der Ostbahnhof: Schuhläden, ein Friseur, ein Piercing-Studio, eine Änderungsschneiderei, ein Juwelier, ein Erotikshop – an diesem Sonntag waren sie alle geöffnet. Auch am Bahnhof Zoo, am Alexanderplatz und an der Friedrichsstraße ignorieren viele Händler das Verbot. Die Mühe, seine Ware als Souvenirs zu tarnen, macht sich hier niemand. Die Öffnungszeiten an den Ladentüren weisen den Sonntagsverkauf unverblümt aus. Von Kontrollen haben die Mitarbeiter noch nichts gehört. Dabei ist klar: „Wer an Sonntagen sein Geschäft öffnet, verstößt gegen das Gesetz“, sagt Marie-Luise Dittmar, Sprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz.

Warum geht hier, was am Hauptbahnhof so schwierig ist? Diese Frage beschäftigt auch viele der Besucher, die an den Infoständen eine Postkarte an die Verbrauchersenatorin abschicken. „Es ist Sache der Bezirke, dagegen vorzugehen“, sagt Dittmar. Den Bezirken aber fehlt das Personal. Sonntags seien regelmäßige Kontrollen nicht realisierbar, sagt Carsten Spallek (CDU), der als Wirtschaftsstadtrat in Mitte für Hauptbahnhof und Alexanderplatz zuständig ist. Das Landesamt für Arbeits-, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi), das darüber hinaus kontrollieren kann, ob sonntags gearbeitet wird, tut dies nur auf Beschwerde – wie im Hauptbahnhof. Doch es blieb bisher bei einer einzigen Großaktion, nach der die meisten Geschäfte schlossen. Weitere Kontrollen seien nicht geplant, so ein Sprecher, solange sich keine Mitarbeiter beschwerten.

Für die Mitarbeiter in Steinauers Schuhladen gibt es dafür keinen Grund. „Wenn ich sonntags nicht mehr arbeiten könnte, würde ich 20 Prozent weniger verdienen“, sagt Filialleiterin Gerlinde Thom. „Und wir müssten zwei Mitarbeiter entlassen.“ Und Ladenbesitzer wissen, dass die Bußgelder meist um 100 Euro beginnen. Ein Betrag, der durch einen guten Sonntagsumsatz schnell ausgeglichen ist.

Autor

57 Kommentare

Neuester Kommentar