Berlin : Sony-Center: Wilhelm Zwo in Öl beherrscht den Kaisersaal

Lothar Heinke

Gestern wurden die Restaurierungsarbeiten im früheren Hotel "Esplanade" auf dem Sony-Gelände am Potsdamer Platz beendet - eine nüchterne, kleine Nachricht. Wert: 50 Millionen Mark. So viel ließ sich der Bauherr die Erhaltung, Pflege, Ergänzung, Erneuerung, Restaurierung, Verkleidung und Verwandlung der Überbleibsel des 1908 so glanzvoll eröffneten Grandhotels kosten. Das moderne Stahl-Glas-Gemisch unter dem schrägen, am Abend in vielerlei Farben leuchtenden Fujijama-Dach hat seinen architektonischen und emotionalen Kontrapunkt. Die Spaziergänger im Sony-Forum blicken verwirrt auf das Antiquarische hinter dem schützenden Glas. Hier begegnen sich Welten.

Nummer 1 des sichtbaren und viel bestaunten Teils des unverhofften Architekturmuseums mit Schaustücken mehrerer Jahrzehnte ist der einstige "Frühstückssaal". Zwei Kronleuchter, weiße Wände, golden schimmernde Treppengeländer und Sprünge zwischen den einzelnen Teilen der Neorokoko-Decke sollen davon erzählen, dass dieser Raum vor Jahren in 500 Teile zerlegt, in Gotha zwischengelagert, restauriert und dann, ein wenig verändert, wieder zusammengebaut wurde. Grund war die notwendige Verschiebung von Teilen des Esplanade: "Der Frühstückssaal wurde zerlegt, nummeriert und jetzt wieder errichtet. Der Kaisersaal musste im Ganzen verschoben werden: Das 1300 Tonnen schwere, zweigeschossige Bauwerk wurde auf einem Stahlbeton-Trägerrost mehrere Meter computergesteuert in die Höhe gezogen, um ihn auf Luftkissen über eine installierte Verschubbahn 75 Meter zu seinem neuen Standort neben Palmenhof und Silbersaal gleiten zu lassen", erläutert Karin Püttmann von Sony den spektakulären Vorgang, den die Fachleute "Translozierung" nennen. Beim Verschieben des Frühstückssaales des Hotels blieben zwei stuckverzierte Wände an ihrem angestammten Platz, hinter einer Glasplatte geschützt wurden ehemalige Innen- zu Außenwänden. Gleich daneben ist es nüchterner - dem einstigen Palmensaal fehlen noch jene Pflanzungen, die ihm den Namen gaben. Wie der alt-neue Silbersaal wird er von einem Eingang von der Bellevuestraße her erreichbar sein, während Frühstücks- und Kaisersaal vom Forum aus betreten werden.

Der Kaisersaal, in dem Wilhelm Zwo zu Herrenabenden erschienen sein soll, wird von einem voluminösen Bild des Monarchen in Öl beherrscht. In dem intim wirkenden Raum stellt man sich edel gedeckte Tische mit flackernden Kerzen vor; Spiegeltüren (die ins Nichts führen) vervielfachen das warme Licht. Aber das ist ebenso Zukunftsmusik wie das Benutzen jener Örtlichkeiten, zu denen der Kaiser zu Fuß gehen muss. Sie waren schon im alten Esplanade und sind erst recht im modernen Sony-Sound ein historisches Event mit hölzernen Brillen und Deckeln, marmorierten Wänden, riesig plumpen Porzellan-Handwaschbecken, Original Messing-Türklinken und blinkenden "Besetzt"-Schlössern. Wir ernennen hiermit den kleinen Salon zu Berlins schönster Herren-Toilette!

Die Rekonstruktion der Räume mit einem gewollten, geradezu krassen Gegen- oder Miteinander von Alt und Neu ist zwar beendet, längst nicht abgeschlossen aber scheint der Innenausbau hinter den Kulissen und rund um die vier Säle. In ihnen und um sie herum herrscht eines Tages - Start soll im nächsten Frühjahr sein - die Esplanade-Gastronomie mit zirka 400 Sitzplätzen auf rund 2 500 Quadratmetern. Der Betreiber sei gefunden, die Konzeption bekannt - die geheimnisvolle Angelegenheit mit vollem Namen soll noch in diesem Jahr der Öffentlichkeit präsentiert werden. Wir nehmen an, dass uns am Ende eine Mischung aus hochkarätiger Edel-Gastronomie und gehobenem Caféhaus-Chic beglückt. Ein Magnet für alle, die durchs Forum strömen und plötzlich vor einer unvermuteten Antiquität stehen, ist es schon jetzt.

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