Berlin : Sony-Umzug verdirbt Berlin die Popkomm-Party Auch Klaus Wowereit konnte nicht helfen.

Konzern geht aus Kostengründen nach München

Henrik Mortsiefer,Ulrich Zawatka-Gerlach

Eigentlich wollten sich die Manager und Mitarbeiter der Berliner Sony-Music-Zentrale langsam in Partystimmung bringen. In zehn Tagen beginnt die Popkomm, die wichtigste Musikmesse in Deutschland und ein Aushängeschild der jungen Musikmetropole Berlin. Die Stadt, die sich als neuer Magnet für die deutsche Musikindustrie versteht, wird Ende September für drei Tage eine Tanzfläche sein. Die kränkelnde Branche verspricht sich gute Geschäfte – und noch bessere Laune.

Doch Partys sind in den Büros von Sony Music am Potsdamer Platz seit dem Wochenende kein Thema mehr. Die rund 230 Mitarbeiter stehen plötzlich vor der Frage, ob sie demnächst ihren Job verlieren oder nach München umziehen müssen – „in die Musikprovinz“, wie ihr Noch-Chef Balthasar Schramm sagte.

Schramm hielt sich am Wochenende in New York auf. Dort fiel vor einer Woche im 32. Stock der Sony-Zentrale die für ihn und die Berliner Musikwirtschaft folgenschwere Entscheidung: Die Deutschlandzentrale des fusionierten Musikkonzerns Sony BMG – international zweitgrößter Musikkonzern der Welt – wird in München angesiedelt und nicht in Berlin. Eine Überraschung. Und das falsche Signal. Nicht nur für das neue Unternehmen, sondern auch für Berlin, wie Schramm findet.

Er selbst verliert seinen Job. Bertelsmann teilte am Sonntag offiziell mit, Maarten Steinkamp, Deutschlandchef der Bertelsmann Music Group (BMG), werde das Tagesgeschäft des fusionierten Konzerns bis auf weiteres führen – in München. Schramm wird lapidar „für seine Verdienste“ gedankt und „für zukünftige Herausforderungen alles Gute“ gewünscht.

„München ist nicht der Platz, wo einer der Marktführer sitzen sollte“, sagte Schramm dem Tagesspiegel. Doch die Strategen des global operierenden Musikkonzerns kümmern sich offenbar wenig um die Berliner Befindlichkeiten. Es wird anders gerechnet. Schramm sagt: Es wird falsch gerechnet. „Gemessen an den Lebenshaltungskosten, den Mieten, der Wochenarbeitszeit und den Feiertagen ist München insgesamt der deutlich teurere Standort“, sagt er. Begründet wird die Standortwahl dem Vernehmen nach mit zu hohen Mietkosten am Potsdamer Platz, wo Sony Music Untermieter der Europazentrale des Sony-Konzerns ist.

Verliert Berlin also schon wieder an Anziehungskraft für die bunte Branche? Bisher sah es gut aus: Begleitet von finanziellen Umzugshilfen des Senats zog es 2002 die Deutschland-Zentrale des weltgrößten Musikkonzerns Universal an die Spree. „Es ist einer der ganz großen Erfolge des Regierenden Bürgermeisters, dass Universal nach Berlin gezogen ist“, sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder vergangene Woche bei einem Besuch des für 500 Universal-Mitarbeiter umgebauten Kühlhauses an der Stralauer Allee. Die deutschen Phonoverbände folgten Universal und siedelten von Hamburg nach Berlin um. Der Musiksender MTV verlegte Anfang des Jahres seine Zentrale für das deutschsprachige Programm nach Berlin. Die Popkomm verließ Köln, um dort zu sein, wo der Markt am größten ist. So glaubte man zumindest bisher.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit glaubt es immer noch. „Die kreative Musikszene bleibt in Berlin, wir sind der Hauptstandort des deutschen Musikmarkts“, sagte Senatssprecher Michael Donnermeyer am Sonntag. Sonys Entscheidung sei wirtschaftlich motiviert und schwer zu verstehen. „Es ist bedauerlich, aber wir müssen es hinnehmen.“ Wowereit hatte vergangene Wochen mehrfach mit BMG-Vorständen gesprochen. Ohne Erfolg. Wirtschaftssenator Harald Wolf kommentierte den Wegzug nicht, sondern will „erst mit Sony reden“.

Einen ersten Rückschlag hatte der Musikstandort im März hinnehmen müssen, als sich Warner Music gegen den Umzug seiner Deutschlandzentrale von Hamburg nach Berlin entschied. Warner- Deutschlandchef Bernd Dopp bescheinigte dem Berliner Standortmarketing zwar, „sehr professionell gearbeitet“ zu haben. Finanzielle Anreize allein reichten aber nicht aus, um 230 Warner-Mitarbeiter nach Berlin zu locken.

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