Sorgerechtsstreit : Die verlorenen Kinder

"Du kommst wieder, Mama, ja?" "In ein paar Tagen, versprochen!" Doch als sie wieder da ist, sind die Mädchen weg – verschwunden in der türkischen Familie. Wie eine Berliner Mutter ihre Töchter sucht.

Ferda Ataman
Karaaslan
Helin Karaaslan sucht seit fünf Monaten in der Türkei nach ihren Töchtern. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist ein schwerfälliges, dumpfes Aufwachen an diesem Morgen des 30. Juli. Helin Karaaslan und ihre zwei Töchter haben bis spät nachts geredet und sich in den Armen gelegen, dann waren sie im großen Bett eingeschlafen. Sie hatten sich viel zu erzählen, nachdem sie vier lange Monate voneinander getrennt waren. Kaum miteinander gesprochen hatten. Denn die Mutter wusste lange nicht, wo die Kinder überhaupt sind.

Doch das Wiedersehen im Ferienhaus der Familie in Bodrum, einem Badeort an der türkischen Mittelmeerküste, ist noch nicht das gute Ende.

Die Mutter steht an jenem 30. Juli früh auf, um allein nach Deutschland zu fliegen, wo sie neue Pässe für ihre Kinder holen will, die deutsche Staatsbürger mit türkischen Wurzeln sind, so wie sie selbst auch, und einen türkischen Vater haben. Die alten Pässe waren plötzlich verschwunden. Da ahnte die Mutter schon Böses.

Und trotzdem – hat sie eine Wahl? – packt sie an jenem frühen Sommertag hastig ihren Koffer. Die fünfjährige Tochter schläft weiter, die Achtjährige im rosafarbenen Pyjama verfolgt jeden Schritt der Mutter. Sie versteht nicht, warum sie nicht mitkommen kann. Warum sie nicht einfach mitfliegt. Nach Hause. Nach Berlin.

– „Mama, du kommst wieder, ja?“

– „Ich bin in ein paar Tagen wieder da und hole euch ab. Versprochen!“

Doch als sie wenige Tage später zurück ist in Bodrum, sind die Kinder weg. Schon wieder.

Seitdem rennt Helin Karaaslan, 43, in Istanbul und Berlin von Behörde zu Behörde, stellt Strafanzeigen, macht Zeugenaussagen, holt Gutachten ein, bestellt beglaubigte Übersetzungen und spricht mit ihren zwei Anwälten. Für den Fall, dass der rechtliche Weg nicht hilft, hat sie in Istanbul Detektive eingeschaltet, die ihre Kinder aufspüren sollen. Und sie betreibt eine angestrengte Öffentlichkeitsarbeit für ihren so schwierigen wie nicht seltenen Fall.

Helin Karaaslan, türkische Herkunft, deutscher Pass, und der Vater der Kinder, ein in Deutschland lebender Türke, waren nie verheiratet, so lag das Sorgerecht bei ihr.

Ende März musste Helin Karaaslan ins Krankenhaus und willigte ein, ihre Töchter für die anstehenden Osterferien zur Großmutter väterlicherseits zu schicken. Nach Istanbul, in die Türkei. Von dort kehrten die Mädchen nicht wieder zurück. Die Großmutter habe ihr den Kontakt zu den Töchtern verwehrt, erinnert sich Helin Karaaslan. Die Kinder am Telefon verleugnet und dergleichen.

Für die Mutter begann eine schlimme Zeit. Zur Angst um die Kinder kam der Zorn auf die Machtlosigkeit der Instanzen. Die Kinder waren weg, und niemand schien helfen zu können.

Aus deutscher Sicht ist der Fall eindeutig: Es geht um widerrechtlichen Kindesentzug im Ausland. Und der ist durchaus kein Einzelfall: Die „Zentrale Behörde für internationale Sorgerechtskonflikte“ im Bundesamt für Justiz (BJF) befasste sich im Jahr 2008 mit mehr als 500 Fällen von Kindesentführung oder -entziehung von und nach Deutschland. Fast immer geht es um Sorgerecht. Dabei führt die Türkei die Liste der Länder mit 127 Fällen an. Die Zahlen für 2009 werden noch höher sein, sagt ein BJF-Sprecher. Warum, wisse man in der Behörde nicht. Das Referat versteht sich als Dienstleister im Sinne des Kindeswohls. Bei Bedarf werden die Kosten daher vom Steuerzahler getragen. „Wenn es nötig wird, stellen wir die Anträge bei Gerichten vor Ort und organisieren die Rückführung des Kindes“, sagt der Sprecher.

Das Rückführungsrecht beruft sich auf das Haager Kindesentführungsübereinkommen von 1980, das seither 81 Staaten unterzeichnet haben. Auch die Türkei. Zwischen diesen Ländern kooperieren die Sicherheitsbehörden, sie verpflichten sich zu helfen, die Kinder in das Land zurückzubringen, wo sie aufgewachsen sind und zur Schule gehen. „Es gibt Staaten, da funktioniert das nicht immer so gut“, sagt der Sprecher, „aber zur Türkei haben wir ein gutes Verhältnis.“

Zum Fall selbst will niemand etwas sagen, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt. Ungereimtheiten bestätigt man aber. So hat der Vater der Kinder anscheinend keine Schwierigkeiten bei Behördengängen in Istanbul: Ein Dokument belegt, dass er die Kinder dort im November ins türkische Personenregister hat eintragen lassen. Nun besitzt er türkische Ausweise für sie – obschon beide doch nach wie vor deutsche Staatsbürger sind. Wie diese Ausweiserstellung ohne die Einwilligung der Mutter möglich war, ist den deutschen Beamten ein Rätsel.

Für Helin Karaaslan, die sich seit einigen Wochen nun schon regelmäßig in der Türkei aufhält, um ihre Kinder zu finden, ist es nicht leicht, ihre Interessen dort durchzusetzen. Schließlich ist sie für die türkischen Behörden eine Ausländerin. Das erzählt sie, zwischendurch in Berlin, in einem Kreuzberger Café, abgemagert und aufgeregt. „Es war der größte Fehler meines Lebens, dass ich meine Mädchen von Bodrum aus nicht gleich zu meinen Verwandten gebracht habe“, sagt Helin Karaaslan, dahin, wo sie „in Sicherheit“ gewesen wären.

Anfang September erging von der türkischen Staatsanwaltschaft ein Schreiben an die türkischen Polizeistellen, wonach diese Karaaslans deutsche Anwältin benachrichtigen sollen, sobald sie die Kinder finden. Doch das ist seit über drei Monaten nicht geschehen. Helin Karaaslan versteht das nicht. „Die kaufen doch mit Kreditkarte ein, telefonieren mit dem Handy, wohnen vermutlich bei Bekannten – was kann denn daran so schwierig sein?“ Das Warten auf ihre Kinder mache sie mürbe.

Ihr Istanbuler Anwalt Sadik Durak wundert sich dagegen nicht sonderlich, dass das so lange dauert. „Dass sie offiziell gesucht werden, heißt nicht, dass Beamte gezielt nach ihnen fahnden“, sagt er. Am wahrscheinlichsten sei, dass sie durch eine der regelmäßig stattfindenden Passkontrollen aufgefunden werden. Im Verkehr, in öffentlichen Gebäuden, bei Demonstrationen. Das könne schon noch ein paar Monate dauern.

So lange will die Mutter nicht warten. Sie hat die türkischen Medien eingeschaltet. Ihre Geschichte – die der verzweifelten „Gurbetci Kadin“, der Auslandstürkin – war in sämtlichen türkischen Zeitungen zu lesen. Karaaslan schimpft im Nachhinein über einige Journalisten, „die hören nicht zu und schreiben, was ihnen passt“. Laut einigen Boulevardblättern ist sie mit dem Vater der Kinder gemäß islamischem Brauch verheiratet, wenn auch nicht standesamtlich. Alles Unfug, sagt sie, sie hätten auf keine Art geheiratet. Ein andernmal wird sie als „Berliner Lebensmittelketteninhaberin“ bezeichnet. „Das ist total falsch“, sagt die chemisch-technische Assistentin. Sie helfe im familiengeführten Spätkauf in Friedrichshain mit. „Aber was soll’s!“, die Zeitungen waren ihr egal.

Karaaslan wollte ins Fernsehen. Sie hat so lange Interviews gegeben und Bilder von sich abdrucken lassen, auf denen sie traurig auf Kinderfotos zeigt, bis sie einen Termin im Staatsfernsehen TRT bekommen hat. „Wenn ich meine Geschichte in einer Liveshow erzähle, dann findet man die Kinder im Handumdrehen“, war sie sicher. Zumindest hätten ihr das alle Türken gesagt. Und sie will daran glauben. Liveshows, das sind interaktive Magazinsendungen, die bei Familiendramen nicht selten Betroffene per Telefonanruf zuschalten.

So sollte es auch am vergangenen Dienstag sein, als Karaaslan ihren Auftritt bei „Das Leben mit Esra Ceyhan“, vergleichbar einer Oprah-Winfrey-Show, hatte. Die Redakteure von TRT riefen vor der Sendung bei der Großmutter an, deren Handynummer hatten Karaaslans Detektive ausfindig gemacht. Sie erklärten ihr, dass sie sich live rechtfertigen könne. Doch die Frau am anderen Ende der Leitung legte sofort auf. Während der TV-Show forderte die Moderatorin die „Entführer-Oma“ mehrfach auf, sich telefonisch zu melden. Sie tat es nicht. Ihre Motive bleiben unklar.

Helin Karaaslan saß während der Sendung auf einem Sofa und beantwortete alle Fragen der grell geschminkten Moderatorin. Sie spielte die letzte Mailbox-Nachricht von ihrer Tochter vor und weinte vor laufender Kamera.

Der Auftritt sei ein voller Erfolg gewesen, versichern ihre Freunde. „Keine Sorge, wir finden Ihre Kinder innerhalb von zwei Wochen“, sagte eine Redakteurin von TRT zu ihr nach der Show.

Vom Fernsehauftritt seiner Ex-Freundin hat auch der Vater der Kinder gehört. Der 38-jährige Berliner Türke meldete sich aus Istanbul beim Tagesspiegel und erklärte, die Vorwürfe gegen ihn seien falsch. In der Türkei, behauptet er, habe er das Sorgerecht für die Kinder. Sie würden durch das türkische Recht „geschützt“, denn die Mutter habe „psychische Probleme“. Sie habe die Kinder misshandelt. Dem Tagesspiegel legte er darüber keine Nachweise vor.

Er behauptet zudem, nicht gewusst zu haben, dass sie die Kinder zurückhaben wolle, sie habe sich schließlich nie bei ihm gemeldet. Dem widerspricht, dass er im September laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegenüber einem Polizeibeamten abgestritten hat, etwas mit dem Kindesentzug zu tun zu haben. Damals sprach er von einem Alleingang seiner Mutter. Inzwischen leugnet er nicht mehr, Kontakt zu den Kindern oder seiner Mutter zu haben. Wo sie sind, will er nicht sagen. Nur so viel: in seiner Obhut. In einer E-Mail erklärt er dann aber doch: „Wir leben wie immer in unserer Wohnung in Istanbul unser normales Leben.“

Nicht weit entfernt von dieser Wohnung, auf der anderen Seite des Bosporus, wartet Helin Karaaslan. Auf den erlösenden Anruf oder Brief oder womit auch immer sie die Nachricht bald erreicht, dass ihre Kinder gefunden sind und sie sie wieder in die Arme schließen kann. So lange will sie in Istanbul bleiben. Sie sei auch dort gewesen, sagt sie, bei der Wohnung, aber niemand habe geöffnet. Der Gedanke, dass ihre Kinder nur wenige Kilometer entfernt sind und sie sie dennoch nicht sehen kann, ist ihr unbegreiflich.

Helin Karaaslan hat von Kindesentzugsfällen gehört, die jahrelang dauerten. In denen die Kinder in der Fremde heranwachsen, obwohl rechtlich alle Fragen geklärt sind. Sie schluchzt, wenn sie davon spricht. „Das halte ich nicht durch“, sagt sie.

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