Berlin : Sorgloser Fall

Seit 1996 war Joachim Zeller Bürgermeister in Mitte. Nun ist er nur noch Stadtrat – aber es grämt ihn nicht

Lothar Heinke

Joachim Zeller geht als Bürgermeister vom Großbezirk Mitte durch die eine Tür hinaus und kommt durch die andere wieder hinein, als Bezirksstadtrat. Der Christdemokrat tauscht sein Büro mit dem bisherigen SPD-Stadtrat Christian Hanke, der ist nun die Nummer eins, Zeller sein Stellvertreter. Ob das dem eher stillen, stets durch seine schwarze Barttracht auffälligen Politiker nun gefällt oder nicht, die Konstellation der Parteien in Mitte machte den „Machtwechsel“ möglich, und Zeller tröstete sich in einer kleinen Abschiedsrunde bei seinen engsten Mitarbeitern damit, dass er eigentlich nichts dagegen hat, nach gut zehn Jahren auch mal etwas anderes und vielleicht sogar Neues zu tun.

Er wird für Wirtschaft und Immobilien zuständig sein und damit seinem Parteifreund Dirk Lamprecht im Amte folgen – der hatte schon lange vor der Wahl eine berufliche Neuordnung beschlossen. Der Vorsitzende des Wirtschaftskreises Mitte geht in die Geschäftsführung der Automaten-Wirtschaftsverbände.

Joachim Zeller, der stets lieber im Getümmel unten im Saal sitzt als auf der Bühne im Präsidium, ist von Hause aus „Sprachmittler“. So nannte man in der DDR die Dolmetscher. Dem Slawisten hat es stets Spaß gemacht, mit (ziemlich verblüfften) polnischen oder russischen Dienstgästen fließend in deren Landessprache zu reden. Das kann der Mann, der aus den Archiven der Humboldt-Universität nach der Wende 1990 direkt in die Politik kam, auch in Zukunft reichlich tun – die Wirtschaft im Regierungsbezirk hat viele Facetten, und ein Blick über den städtischen Tellerrand wird immer wichtiger. Als Bürgermeister, sagt er, muss man eher der moderierende Primus inter pares sein – „nun erlaube ich mir, manche Dinge stärker zu akzentuieren“. Da holt er ein Ideenpaket aus dem neuen Schreibtisch: Wie die Stellendefizite im Ordnungsamt beseitigt werden können, denn „diese Stadt braucht starke Ordnungskräfte“. Oder wie man dem Mittelstand hilft und neue Arbeitsplätze schafft – indem in Moabit Nord zwischen Heidestraße und Güterbahnhof keine langweilige Grünanlage entsteht, sondern Bauten und Höfe für Gewerbebetriebe, die dort ein total erschlossenes Gelände vorfinden. Vielleicht entdeckt Joachim Zeller, der seit 1996 Bezirksbürgermeister in Mitte war, ganz neue kämpferische Qualitäten.

Sein Rückblick auf spannende fünfzehn Jahre sei ohne Gram, im Gegenteil: „Ich bin dankbar, dass ich so lange hier tätig sein konnte, denn jeder, der ein politisches Amt übernimmt, muss wissen, dass das eine Sache auf Zeit ist.“ Bezirksarbeit sei von Pragmatismus bestimmt und habe den Bürgersinn zu fördern, da sollte es keine Rivalitäten geben. Der jetzige Bezirksbürgermeister Christian Hanke von der SPD war vorher Stadtrat, „der hatte das Hemd an und ich den Überrock“ – jetzt ist das umgekehrt. Der Wähler und ein Bündnis aus SPD, Linkspartei und FDP haben das so gewollt. Zeller fügt sich, trotzdem hat er sich gefreut, dass am Donnerstagabend bei der Konstituierung der BVV 45 Bezirksverordnete (von 55) für ihn gestimmt haben. Das war das zweitbeste Wahlergebnis. Hanke bekam 36 Stimmen. In guter Erinnerung bleibt bei Joachim Zeller, wie es gelang, das Quartiersmanagement ebenso zu modernisieren wie die Bürgerämter, dass die Weltmeisterschaft so gut über die Bühne ging und in Wedding und Tiergarten mit ihrer Tradition ein neues Mitte-Bewusstsein entstand: „Selbst der Kleingartenverband der Weddinger schmückt sich mit dem Wappen von Mitte, ist das nicht toll?“ Ärger gibt es natürlich auch: darüber, dass dem Bezirk zu wenig zugetraut wird. Für die Sondernutzung wichtiger Straßen zum Beispiel sei der Senat zuständig, aber für die Bürgersteige der Bezirk. „Was für ein Quatsch!“

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