Berlin : Soweit die Hufe tragen

Vor 75 Jahren brach der Droschkenkutscher Gustav nach Paris auf. Der Beginn einer Legende.

Andreas Conrad

Ruhmreiche Berliner Pferde? Da ist der Schimmel Condé zu nennen, der den Alten Fritz durch manche Schlacht getragen hat. Auch den Fuchswallach Taurus darf man nicht vergessen, der mit Prinz Friedrich Leopold beim berühmten Rennen Berlin-Wien 1892 immerhin als 31. durchs Ziel galoppiert war. Dann wäre da noch Grasmus, wieder ein Fuchswallach, vorne mit G – wie Gustav. Nicht irgendein Gustav, sondern der populärste, den Berlin je hervorgebracht hat: Gustav Hartmann, Droschkenkutscher, genannt: der Eiserne. Morgen am 2. April ist es 75 Jahre her, dass er und Grasmus aus Wannsee gen Paris aufbrachen, der Beginn einer Legende.

Dabei hatte der bei seiner Paris-Fahrt schon knapp 69-Jährige bis dahin ein durchschnittliches Leben geführt. In Mecklenburg geboren, war er um 1880 in die Berliner Gegend gekommen. In der Alsenstraße 11 besaß Hartmann ein großes Haus, den Hof umringten Ställe, darin standen Landauer, Kaleschen, Kutschen, Droschken. Aber angesichts zunehmender Motorisierung gehörte er einem aussterbenden Berufsstand an und wusste das auch: „Der älteste Fuhrherr von Wannsee, Gründer der Wannsee-Droschken, erlaubt sich mit der Droschke 120 die letzte Fahrt Berlin – Paris zu machen, da das Pferdematerial im Aussterbeetat steht“ – so stand es an seiner Kutsche. Oder war es, so die Familienlegende, doch letzte Abenteuerlust eines Ergrauten, herausgefordert durch eine junge französische Reiterin, die, angeblich direkt aus Paris kommend, den alten Kutscher in Wannsee nach dem Weg Richtung Berlin gefragt hatte? Oder gar simpler Geschäftssinn?

Den besaß Gustav Hartmann ohne Zweifel. Immerhin kassierte er für sein Vorhaben beim Ullstein-Verlag einen Vorschuss von 1000 Mark, bekam dafür den „Morgenpost“-Reporter Hans Hermann Theobald in den Wagen gesetzt. Die 10000 Autogrammkarten, die er vorsorglich mitnahm und für 20 Pfennig pro Stück vertrieb, waren schon vor der französischen Grenze vergriffen.

Die Zeitungen hatten landesweit eine gut verkäufliche Geschichte gewittert und Hartmann als neuen Volkshelden – heute sagt man Superstar – aufs Schild gehoben. War der ein Jahr zuvor nach seinem Ozeanflug von den begeisterten Parisern fast erdrückte Charles Lindbergh als Pionier der Neuzeit gefeiert worden, so war es diesmal eine Art Fossil, schon nach der Barttracht ein Mann der Vergangenheit, der einer widrigen Gegenwart trutzig die Stirn zu bieten schien. Die ersten Kilometer hatte den Paris-Fahrer noch ein Schupo zu Rade begleitet, in Dortmund, wenige Wochen später, säumten schon 200 000 die Straßen. Auch die Ankunft in Paris am 4. Juni 1928 glich einem Triumphzug, mit anschließendem Galaabend. Die Rückkehr nach Berlin am 12. September fiel ähnlich glorreich aus. Bei der Gala gab es Eisbein, dazu eine gefüllte Brieftasche und die Stummfilmdiva Henny Porten als Tischdame. Noch manches Mal wurde der Eiserne Gustav vor den Werbekarren gespannt, dann geriet er langsam in Vergessenheit, ein Original und damit endgültig ein Anachronismus – bis der Film den Stoff für sich entdeckte.

Die Idee stammte von Emil Jannings, der für sich eine Rolle erhoffte und 1937 über den Verleger Ernst Rowohlt an Hans Fallada herantrat. Daraus entstand ein Roman. Auf Anweisung von Propagandaminister Goebbels musste der mehrfach von den Nazis attackierte Autor den Schluss ändern und in einem Bekenntnis der Titelfigur zum Nationalsozialismus enden lassen. Das Buch fand dennoch keine Gnade. Erst 1958 wurde es mit Heinz Rühmann verfilmt, 1979 noch einmal mit Gustav Knuth. Im Sommer 2000 wurde auf private Initiative aus dem Berliner Taxigewerbe ein Denkmal auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße in Tiergarten, nahe der Potsdamer Brücke, enthüllt, und der Platz vor dem Bahnhof Wannsee, wo Gustav Hartmann jahrzehntelang auf Kunden gewartet hatte, trägt seither seinen Namen. Auch die Ausstellung, mit der das Filmmuseum am Potsdamer Platz im vergangenen Jahr Heinz Rühmann zu dessen 100. Geburtstag ehrte, erinnerte mit einem gut gebürsteten Kleidungsstück an Berlins berühmtesten Droschkenkutscher: Der Frack, den Rühmann auf dem Kutschbock getragen hatte, war schon einmal in Paris gewesen, getragen vom Eisernen Gustav.

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