Sozialarbeit : Das Netzwerk Kinderschutz hat noch einige Löcher

Die Jugendämter und Verbände loben eine wachsende Aufmerksamkeit der Bürger. Zugleich klagen sie über fehlendes Personal und die Sparpolitik des Senats.

Tanja Buntrock,Katja Reimann

Die Nachbarn schauen und hören nicht mehr weg – über Kinderschutz wird diskutiert. „Das ist ein Erfolg des Netzwerks Kinderschutz“, sagte Konrad Koschek vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin gestern bei einem Pressegespräch. Dies dokumentieren auch die Zahlen, die gestern bei der zentralen Notrufnummer „Hotline-Kinderschutz“ (Tel. 610 066) in Kreuzberg vorgestellt wurden: 700 Anrufer haben sich seit ihrer Einrichtung im Mai bei der „Hotline“ gemeldet. Zudem ergab eine „Blitzumfrage“ in zwölf Berliner Bezirken: Allein innerhalb von 14 Tagen wählten 760 Bürger die Notrufnummer 55555 der jeweiligen Jugendämter, um ihren Verdacht zu melden.

„Auch, wenn die hohen Zahlen erschreckend sind, zeigen sie, dass das Kinderschutz-Netzwerk funktioniert“, sagte Kreuzbergs Jugendamtsleiter Thomas Harkenthal. Das Netzwerk Kinderschutz wurde im April 2007 vom Berliner Senat eingerichtet. Dabei sollen Kinderschutzorganisationen sowie Polizei, Jugendämter, Hebammen und Kinderärzte intensiver kooperieren. Der Paritätische wünscht sich zukünftig eine verstärkte Teilnahme der freien Träger. Mit dem Netzwerk nimmt Berlin bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Im kommenden Jahr erhalten die Bezirke zusätzliche 24 Stellen für Sozialarbeiter in Jugendämtern.

Dennoch kritisiert Koschek, dass die Zusammenarbeit im Kinderschutz weiter verbessert werden müsse. Zudem mangele es an Geld. „Kinderschutz ist nicht kostenlos“, mahnte er . Die Mittel im Jugendhilfeetat für 2008 und 2009 halte er für nicht ausreichend. Auch Kreuzbergs Jugendstadträtin Monika Herrmann (Grüne) betont, dass „in der Jugendhilfe nachweisbar 22 Millionen Euro fehlen“. Wegen der Etatkürzungen der Bezirke würden auch 2008 wieder Jugendeinrichtungen und Schulstationen geschlossen. Scharf kritisierte die Stadträtin den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. „Unter seiner Regierung sind die Mittel der Jugendhilfe in den vergangenen sechs Jahren dramatisch gekürzt worden“, sagt sie. Daher mute es fast zynisch an, wenn er nun den anstehenden Kindernotgipfel der Bundeskanzlerin begrüße.

Die Forderung, den Kinderschutz ins Grundgesetz zu übernehmen, hält Herrmann indes nicht für sinnvoll. „Wir haben ein gutes Kinder- und Jugendhilfegesetz“, sagte sie und betonte: „Kinderschutz ist keine Frage fehlender Gesetze, sondern fehlender Finanzmittel.“ Dies sieht Konrad Koschek vom Paritätischen Wohlfahrtsverband anders: Er unterstützt die Aufnahme von Kinderrechten in die Verfassung. Allerdings sollte die Diskussion um diese Forderung nicht vom Thema Kinderschutz ablenken.

Das Netzwerk Kinderschutz soll vor allem präventiv wirken. So zum Beispiel mit vier Modellprojekten freier Träger – der sogenannten „Aufsuchenden Elternhilfe“. Hier besuchen ehrenamtliche Helfer Familien zu Hause. Diese Projekte werden vom Senat 2007/2008 jährlich mit 300 000 Euro gefördert. So unterstützt zum Beispiel „Wig Wam“ drogenabhängige Mütter: Ehrenamtliche Helfer beraten die Mütter bis zu sieben Monate nach der Geburt ihres Kindes. 30 Frauen konnte „Wig Wam“ seit Gründung des Netzwerkes im April bereits helfen.

Marion Niendorf vom Hilfsprojekt „Kids“ für Kinder aus Familien mit psychisch kranken Eltern forderte eine noch stärkere präventive Arbeit. Zu häufig werde bei Familien erst dann eingegriffen, wenn die Krise bereits da sei. Etwa 22 000 Familien – so schätzen Experten – leiden unter psychischen Erkrankungen eines oder mehrerer Mitglieder. Ungefähr 78 500 Kinder wachsen in Familien auf, in denen mindestens ein Elternteil Alkoholiker ist. 121 000 Kinder unter 15 Jahren leben zudem in Hartz IV-Haushalten. Das Netzwerk Kinderschutz möchte die Eltern daher möglichst früh auf Hilfsangebote aufmerksam machen. Ein „Frühwarnsystem“ zum Thema Geburt wird noch ausgearbeitet. Dabei sollen zum Beispiel werdende Mütter regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen eingeladen werden.

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