Berlin : Sozialarbeiter warnen vor „Fall Kevin“

Familienbetreuer fühlen sich überfordert. Offener Brief verärgert Bürgermeister

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Die Warnung erinnert an den Brief, mit dem im März dieses Jahres das überforderte Kollegium der Neuköllner Rütli- Schule um Hilfe rief. In einem jetzt bekannt gewordenen Schreiben an den Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) und andere Behördenleiter warnen 70 bezirkliche Sozialarbeiter davor, dass sie wegen Überarbeitung, Personalmangels und zunehmend problematischer Familienverhältnisse nicht mehr sicherstellen könnten, dass es in Berlin nicht eines Tages auch zu einem ähnlichen Fall wie in Bremen kommen könnte, wo die Leiche des zweijährigen Kevin kürzlich im Kühlschrank seines Ziehvaters entdeckt worden war.

Über den Brief, der bisher nicht vollständig veröffentlicht wurde, ist im Bezirk ein politischer Streit entbrannt. Als die Autoren ihre Warnung vor zwei Wochen auf einer Personalversammlung Buschkowsky überreichten, sei der Bürgermeister aufgefordert worden, das Schreiben auch an die Landesregierung weiterzuleiten, berichtet Bezirksstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Buschkowsky jedoch – der gestern für eine persönliche Stellungnahme nicht zu erreichen war – habe den Brief als „zu allgemein“ kritisiert und gesagt, er gebe so ein Schreiben nur dann weiter, wenn konkrete Mängel und Gefahren benannt würden. Stattdessen fänden sich in dem Brief viele generelle Formulierungen wie die, dass man wegen der schwieriger werdenden Arbeitssituation den Kinder- und Jugendschutz nicht gewährleisten könne. „Aber es wird nicht gesagt, was genau das Problem ist und welche exakten Folgen die Sparmaßnahmen auf die Arbeit der Sozialarbeiter haben“, bemängelt Schimmang, der für Bildung und Schule zuständig ist. Deswegen habe Buschkowsky den Brandbrief an die Autoren zurückgegeben und von den Jugendamtsleitern und der neuen Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne) konkretere Ausführungen gefordert. Vonnekold war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Führung der Bezirksverwaltung ist nicht gerade froh darüber, dass die Probleme der Sozialarbeiter auf diese Weise öffentlich werden. „Nach Rütli ist es zur Mode geworden, immer gleich einen offenen Brief zu schreiben“, sagt Stadtrat Schimmang. Dennoch will auch er nicht ausschließen, dass es in Neukölln wie auch in vielen anderen Gegenden der Stadt tatsächlich vorkommen kann, dass in einer problematischen Familie etwas schiefläuft, was die Behörden nicht mitbekommen. „Aber es gibt eben keine unmittelbare Gefahr.“ Der Bezirksverwaltung sei dennoch bekannt, dass Zeit und Personal für die Betreuung schwieriger Familien sehr knapp seien. „Dafür legen wir uns auch gerne mit dem Senat an“, sagt Schimmang – „aber erst müssen wir das Problem mit Fakten belegen.“ lvt

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