Berlin : Sozialatlas: Kieze stürzen ab trotz Quartiersmanagement

Nur in drei von 17 Problemgebieten hat sich die Sozialstruktur durch die Maßnahmen verbessert. Sozialsenatorin fordert Erfolgskontrollen

Ingo Bach

Das Berliner Quartiersmanagement ist bisher offenbar nur in seltenen Fällen ein Erfolg. Laut den Daten aus dem gestern veröffentlichten Sozialstrukturatlas 2003 hat sich seit 1999 nur in drei der insgesamt siebzehn Quartiersmanagement-Gebieten die soziale Lage tatsächlich verbessert. Das heißt, es gibt zum Beispiel am Falkplatz in Prenzlauer Berg und an der Bülowstraße in Schöneberg weniger Sozialhilfeempfänger, mehr junge Familien, und die Anwohner haben ein höheres Einkommen als 1999. In weiteren fünf Kiezen – so am Magdeburger Platz in Tiergarten oder im Wrangelkiez in Kreuzberg – wurde der Absturz zumindest so weit gebremst, dass es langsamer abwärts geht als im gesamtberliner Durchschnitt, denn auch Berlin als Ganzes sackt sozial ab (siehe Kasten). Doch in der Mehrheit der von Quartiersmanagern betreuten Kieze verschlechterte sich der Sozialstrukturindex – eine statistische Maßeinheit, die sich zum Beispiel aus der Arbeitslosenquote, der Sterblichkeit, dem Bildungsstand und den Einkommensverhältnissen zusammensetzt – überdurchschnittlich schnell. Dies gilt besonders für die Rollbergsiedlung in Neukölln oder die Beusselstraße in Tiergarten. Am dramatischsten geht es in Berlin mit dem Kiez Marzahn Nord abwärts – trotz Quartiersmanagern.

Schon seit längerer Zeit ist das Konzept umstritten. So bemängelte der Berliner Rechnungshof, dass es keine Erfolgskontrolle für die Arbeit der Quartiersmanager gibt. Vor fünf Jahren hatte der damalige Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) das Konzept aus der Taufe gehoben, auch als Reaktion auf die Daten des damaligen Sozialstrukturatlasses. Strieder wollte mit dieser Idee dem Abwärtstrend in den Kiezen entgegenwirken, in denen eine Verslummung drohte. Der Plan: den Anwohnern, die am besten wissen, was in ihren Wohngebieten fehlt, Geld in die Hand drücken und sie damit ihr Lebensumfeld verschönern lassen. So wollte man besonders die Abwanderung von jungen Leuten mit gutem Einkommen verhindern.

Derzeit existieren in Berlin 17 Quartiersmanagement-Areale, die von der Stadtentwicklungsverwaltung jährlich jeweils 500000 Euro erhalten, um Spielplätze anzulegen, Bäume zu pflanzen oder Kulturveranstaltungen zu organisieren. Allein die Einbeziehung der Bewohner von Problemkiezen nennt Petra Reetz, Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung, einen Erfolg. Auch die designierte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) lege großen Wert auf das Quartiersmanagement.

Auf der anderen Seite sehe man aber auch die Probleme mit der Umsetzung. „Sicher gab es auch Fehler“, sagt Reetz. „Aber es gab in Deutschland nun mal keine Erfahrungen damit, die man hätte kopieren können.“ Nun wolle man sich besser mit den anderen Senatsverwaltungen abstimmen, besonders mit dem Ressort von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS).

Den Austausch über Sinn und Unsinn des Quartiersmanagements will man nun auch in der Sozialverwaltung forcieren. Zwar halten die Sozialpolitiker die Auswahl der Gebiete, die bisher ein Quartiersmanangement erhielten, für richtig. Doch für die Zukunft fordert Sozialsenatorin Knake-Werner eine Erfolgskontrolle – und eine Prüfung, ob andere Kieze das Geld nötiger hätten. „Man muss darüber diskutieren, ob die Mittel für die Quartiersmanager richtig eingesetzt wurden, das heißt, ob tatsächlich eine Verbesserung erreicht wurde.“ Aber sie sagt auch: „Mit dem Quartiersmanagement kann man die sozialen Grundprobleme wie Arbeitslosigkeit oder Armut natürlich nicht lösen.“

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