Soziale Randlage : Geteiltes Neukölln

Neukölln steht vor der sozialen Spaltung: Forscher der Humboldt-Universität sehen im Norden eine dramatische Verschlechterung der sozialen Lage. Nur der Süden bleibt verschont. Bezirksbürgermeister Buschkowsky hält die Ergebnisse der Studie für bedenklich - und hat Ideen aus Rotterdam mitgebracht.

Claudia Keller
Neukoelln
Exodus. Zuerst gehen die Gewerbetreibende, dann die Mittelschicht, zuletzt folgen alle, die anderswo noch eine Chance für sich...Foto: Caro/Schnitzler

Neukölln steht vor der sozialen Spaltung. Im Norden, wo die Probleme bereits 2001 groß waren, sind sie noch größer geworden. Im Süden, wo es weniger Probleme gab, ist die Lage stabil geblieben. Allerdings haben sich die Schwierigkeiten auf den Britzer Norden ausgedehnt.

Das ist der Befund einer Studie, die ein Team von Soziologen der Humboldt-Universität um Hartmut Häußermann erarbeitet hat und die gestern vorgestellt wurde. Die Untersuchung wurde vom Bezirksamt Neukölln in Auftrag gegeben und basiert auf Zahlen, die von 2001 bis 2006 erhoben wurden.

Insgesamt leben in Neukölln 302 000 Menschen. Im Norden mit 160 000 Personen bezog 2006 jeder zweite Sozialleistungen, 60 Prozent der unter 25-Jährigen lebten von Hartz IV. An den Hauptschulen fehlten bis zu 27 Prozent der Schüler mehr als drei Wochen. „Erschreckend“ sei auch die Zunahme der Kinderarmut, die von 19 Prozent 2001 auf 54,5 Prozent 2006 gestiegen ist und in einigen Vierteln bis zu 73,5 Prozent erreicht. Außerdem machen 162 jugendliche Intensivtäter Neukölln unsicher, die Zahl hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht. In Neukölln verdichten sich die Probleme wie in keinem anderen Bezirk: Acht von insgesamt 21 Berliner Kiezen mit sehr niedrigem sozialen Status liegen in Nord-Neukölln.

„Die Daten sind außerordentlich bedenklich“, sagte Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Er und Hartmut Häußermann fordern deshalb, dass ganz Nord-Neukölln zum Quartiersmanagementgebiet wird. Außerdem müssten dringend die Bildungschancen der Jugendlichen erhöht werden. „Es darf für Jugendliche nicht normal werden, in der Schule zu versagen und das System Schule zu verachten“, sagte Häußermann, „sonst produzieren wir eine Unterschicht, die keine Chance hat, sich zu integrieren.“ Er regte an, „Magnetschulen“ mit besonders vielen Lehrern und Sozialarbeitern einzurichten.

Buschkowsky forderte, dass alle Schulen in Nord-Neukölln und im Britzer Norden in Ganztagsschulen umgewandelt werden. Auch müsse es möglich sein, dass Grundschulen mit einem hohen Anteil von Einwandererkindern Klassen mit nur 20 Kindern einrichten dürfen. Diese Grundschulen müssten außerdem mit Schulstationen ausgestattet werden, in denen Sozialarbeiter zum Beispiel versuchen, die Eltern miteinzubeziehen. Zum neuen Schuljahr will Neukölln an 14 Schulen solche Stationen einrichten. Dazu habe man Personalmittel an anderer Stelle gekürzt, sagte Buschkowsky.

Er hält es auch für sinnvoll, Zeugnisse nur an Eltern auszuhändigen, um sie zu zwingen, in die Schule zu kommen. Bildungssenator Jürgen Zöllner könnte dies verfügen, wenn er wollte, so Buschkowsky. „Das würde natürlich zunächst auf großen Widerstand in den Schulen stoßen, weil es einen großen organisatorischen Aufwand bedeutet.“ Aber längerfristig könnte sich das auszahlen, wie es sich in Rotterdam gezeigt habe. Dort hatten ihm Lehrer bestätigt, dass mittlerweile alle Eltern zur Zeugnisausgabe in die Schule kommen. Helfe das Zureden nichts, müsse man den Eltern notfalls das Kindergeld kürzen, so Buschkowsky: „Kommt das Kind nicht in die Schule, kommt das Geld nicht aufs Konto.“

„Wenn sich in Neukölln nichts tut, werden in zehn bis 15 Jahren drei Viertel der Bevölkerung in prekären Verhältnissen leben“, prophezeite Häußermann. Heute sind es zwei Drittel. Buschkowsky Alarmismus vorzuwerfen, sei verfehlt.

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