Soziale Randlage : Miteinander sprechen

In Schöneberg gibt es Probleme wie in Neukölln - die Kriminalität ist kaum niedriger. Aber die Probleme werden anders gelöst. Schon früh hat man begonnen, Migranten in das kommunale Leben einzubinden. Hierbei hilft das Quartiersmanagement.

Frank Brunner

Im Jugendladen Pallasstraße in Schöneberg-Nord herrscht großes Tohuwabohu. In der Einrichtung der Berliner Treberhilfe, direkt hinter dem Pallasseum, einem schmucklosen Betonbau ist Mädchentag. Aufgeregt diskutieren die Schülerinnen über ihre Erlebnisse im Kiez. „Sowohl von Deutschen als auch von anderen ausländischen Jugendlichen werde ich oft als ‚Neger’ beschimpft“, erzählt Madalena, deren Eltern noch vor ihrer Geburt aus Angola nach Deutschland gekommen sind. Yaa Fordjuor, Sozialarbeiterin im Jugendladen, hat ähnliche Erfahrungen wie die 16-jährige Gesamtschülerin. „Gewalt und Rassismus sind auch in Schöneberg keine Seltenheit“, bedauert Fordjuor.

Tatsächlich gleichen viele Probleme in Schöneberg-Nord denen in Neukölln oder Wedding. Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Landesamtes Berlin-Brandenburg haben knapp 60 Prozent der rund 17 000 Menschen, die zwischen Kurfürstenstraße, Nollendorfplatz, Großgörschenstraße und Yorckbrücken leben, einen Migrationshintergrund. Etwa ein Viertel ist arbeitslos. Im Gegensatz zu Neukölln habe man aber in Schöneberg-Nord früher begonnen, Kontakte zu Migranten zu knüpfen und sie in das kommunale Leben einzubinden. Das mache sich heute bemerkbar, sagt Ülker Radziwill. Sie ist Vorsitzende des Arbeitskreises „Integration, Arbeit, berufliche Bildung und Soziales“ in der SPD-Fraktion des Abgeordnetenhauses.

Angelika Schöttler, Bezirksstadträtin für Familie, Jugend und Sport in Tempelhof-Schöneberg, betont deshalb auch die Erfolge, die man in den letzten Jahren erzielt habe. „Wir führen beispielsweise regelmäßig Kiezgespräche durch, bei denen die Bewohner offen über ihre Probleme, diskutieren“, berichtet Schöttler. Es gebe ein starkes Interesse bei den Migranten an diesen Veranstaltungen.

Als Ursache für das bessere Miteinander sieht Gisela Gut die lange Tradition, die Quartiersmanagement in Schönberg habe. Dies zeige sich etwa in der Zusammensetzung des alle zwei Jahre neugewählten Quartiersrates, sagt die Bezirksamtsmitarbeiterin. Der neue Rat trat gestern zum ersten Mal zusammen. „Elf von 20 Mitgliedern des Gremiums aus Anwohnern, Vertretern von Kitas, Schulen und Bürgerinitiativen haben einen Migrationshintergrund“, sagt Gut. Sie entscheiden zum Beispiel über die Vergabe von Fördermitteln mit. „So können wir auf gewachsene Strukturen zurückgreifen“, erklärt sie. Für Stadträtin Schöttler basiert erfolgreiche Integrationspolitik auf einem intensiven Kontakt mit den Eltern jugendlicher Migranten und einer guten Vernetzung.

„Die Zusammenarbeit zwischen Bezirksamt, freien Trägern, Initiativen und Vereinen funktioniert schon seit den achtziger Jahren gut in Schöneberg“, bestätigt auch Katharinia Vogt vom Migrantensozialdienst der Arbeiterwohlfahrt (AWO). „Natürlich knallt es bei uns auch, aber viele Leute identifizieren sich sehr stark mit ihrem Kiez und reden öfter miteinander. Dadurch können viele Konflikte entschärft werden“, sagt Vogt. „Schöneberg war einer der ersten Bezirke, die einen Migrationsbeauftragten hatten“, betont Hamza Chourabi von der Integrationsberatung der AWO. Vor einem halben Jahr hat sein Verband ein Mentorenprogramm ins Leben gerufen. Studenten, Berufstätige, Rentner oder auch Migranten selbst, unterstützen für ein halbes Jahr junge Zuwanderer bei Spracherwerb oder der Suche nach Arbeits- und Ausbildungsplätzen. „Derzeit gibt es 14 solcher Paare, Tendenz steigend“, erzählt Gundula Daerr, die das Projekt leitet.

Auch im Jugendladen Pallasstraße will man sich nicht mit den Schattenseiten im Viertel abfinden. „Ausländer und Deutsche müssen mehr zusammenhalten“, fordert die 16-jährige Nana. Gemeinsam mit ihren Freundinnen möchte die aus Ghana stammende Schülerin ein Streetmusikal einstudieren. „Vielleicht hilft es gegen Gewalt und Rassimus, wenn wir so über unsere Erfahrungen berichten“, sagt sie. 

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