Sozialer handeln : Immer mehr Unternehmer engagieren sich in Berlin

Fundraising, Sponsoring, Aktionstage: Corporate Social Responsibility dient der Stadt und dem Geschäft.

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Friseurmeisterin Birgit Hoge.
Friseurmeisterin Birgit Hoge.Foto: privat

Lange wussten nur ein paar Stammkunden und Nachbarn, wie stark sich Friseurmeisterin Birgit Hoge in Tempelhof engagiert: Im Laufe von 13 Jahren hat sich ihr Salon „Hair Style“ an der Rathausstraße zum Nachbarschaftstreff entwickelt, in dem Bedürftige die Haare schon mal gratis geschnitten bekommen. Die 50-Jährige macht Hausbesuche bei alten oder kranken Kunden, für die sie oft auch gleich Besorgungen erledigt. Einsamen Menschen bietet sie Gespräche im Salon an, den sie ihr „zweites Zuhause“ nennt. Einmal brachte sie dort sogar ein junges Paar zusammen. „Im August wollen die beiden heiraten“, freut sich Hoge.

Erst als eine Mitarbeiterin der Handwerkskammer ihr die Bewerbung um einen Preis für sozial engagierte Unternehmen empfahl, folgte eine öffentliche Würdigung: Mitte Juni erhielt Birgit Hoge von der IHK und Handwerkskammer die „Franz-von-Mendelssohn-Medaille“.

Bei Birgit Hoge ist das Engagement weit mehr Nächstenliebe als Kundenpflege. Doch nicht alle Betriebe, die auf unternehmerische Sozialverantwortung setzen, agieren selbstlos. Vor allem in großen Firmen dient Corporate Social Responsibility (CSR) durchaus dem Geschäft. „Das Bewusstsein für die Art und Weise, in der Unternehmen wirtschaften, ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen“, sagt Thomas Letz von der IHK. „Die wachsende Zahl von Firmen, die sich glaubwürdig engagieren und dies transparent machen, tun nicht nur etwas für die Gesellschaft, sondern verbessern auch ihre Position am Markt.“ Firmenintern könne CSR Motivation und Gemeinschaftsgefühl stärken. Das Spektrum reicht vom fairen Handel über Sponsoring bis hin zu Einsätzen in Schulen oder Kitas. Unter dem Motto „Unternehmen bewegen Berlin“ hat die IHK eine CSR-Initiative gestartet inklusive einer Infobroschüre.

Ein besonders aktiver Mittelständler ist die Pankower Heizungs- und Sanitärfirma Mercedöl. Nachdem Geschäftsführer Matthias Frankenstein bereits 2006 die Mendelssohn-Medaille gewonnen hatte, ist seine Firma jetzt nominiert für einen von der Deichmann-Gruppe ausgelobten Förderpreis gegen Jugendarbeitslosigkeit. Mit anderen Fachbetrieben half er etwa einem heilpädagogischen Jugendhilfezentrum: Als die Lichterfelder Wadzeck-Stiftung eine Haussanierung nicht zahlen konnte, packten Mitarbeiter an, die Kosten sanken um rund 135 000 Euro.

Sein Preisgeld hat Frankenstein gestiftet: Er gründete den „Eventus-Preis“ für die besten Berliner Azubis im Beruf des Anlagenmechanikers für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Weitere Sponsoren schlossen sich an, Vattenfall etwa vergibt jährlich ein Meisterstipendium. Aktuell plant Mercedöl „Workshops für benachteiligte Jugendliche“ zur Lehrstellensuche. Dahinter steht auch eine professionelle Beraterin: Die ehemalige Journalistin Angelina Rafael ist seit fünf Jahren auf CSR spezialisiert. CSR liege klar im Trend, sagt sie. Jedes Unternehmen müsse aber genau überlegen, „welche Ressourcen es einbringen kann und wie eine möglichst nachhaltige Wirkung erzielt werden kann“. Man müsse zudem auch die Mitarbeiter einbinden: „Es hat keinen Sinn, wenn nur der Chef begeistert ist.“

Als Vermittler fungiert die „Stiftung Gute-Tat.de“. Gegen Ende jedes Jahres bringt sie Unternehmer und soziale Institutionen im „Gute-Tat-Marktplatz“ unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters zusammen. Dabei wurden zuletzt 150 Projekte vereinbart – gut 50 mehr als im Jahr zuvor. Es geht um Beratungen, Praktika und Bewerbungstraining für junge Leute, Sachspenden, Hilfe bei Renovierungen und Reparaturen sowie Unterstützung beim Marketing und bei Veranstaltungen. Hinzu kommen Ehrenamtstage im Projekt „Geburtstagsengel“: Mitarbeiter einer Firma, die Geburtstag haben, bekommen einen freien Tag für soziales Engagement – meistens nehmen mehrere Beschäftigte zusammen frei. Beschäftigte von Coca-Cola machten mit Bewohnern eines Seniorenwohnstifts einen Ausflug ins Schloss Charlottenburg, im Juni pflegten Kollegen einen Kitagarten in Frohnau.

„Viele Berliner Unternehmen sind gern bereit, wenn sie mit konkreten Projekten angesprochen werden“, sagt Stiftungsvorstand Jürgen Grenz. In den CSR-Aktivitäten spiegele sich wider, dass „die Wirtschaftsstruktur stark von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt ist“. Deren Engagement sei „häufig nicht strategisch geplant“ – so bei der Bäckerei Schnell mit Sitz in Weißensee. Bis Oktober verkauft sie Kekse in Tierform zugunsten des Tierparks. Die Idee stammt von Kita-Kindern aus Schöneweide, die die Kekse mit Meister Torsten Schnell backen.

Bei großen Unternehmen ist CSR selbstverständlich. Dussmann etwa sponsert die Staatsoper Unter den Linden. Die Wall AG gibt Geld und Werbeflächen für soziale Zwecke und fördert Kreuzberger Schüler mit Migrationshintergrund. Die Gegenbauer Holding unterstützt Museen, Kitas und Sportler und veranstaltet berufsvorbereitende Sommercamps für benachteiligte Schüler. CSR ist aber nicht nur Sponsoring. So vermietet Ikea keine Flächen mehr an Zirkusse mit Wildtieren.

Friseurmeistern Birgit Hoge bekommt auch viel zurück. Als es ihr mal nicht gut ging, trösteten sie Kunden und Nachbarn. Hoge belohnt auch den Einsatz anderer: Wer sich mit der neuen „Berliner Ehrenamtskarte“ als Engagierter ausweist, muss den Haarschnitt nicht bezahlen.

Infos zum Engagement online:

www.berlin.de/sen/wirtschaft/lez/csr.html, www.ihk-berlin.de (Dokumentnr. 55041), www.gute-tat.de

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