Soziales Engagement : Freunde von nebenan

In den 38 Berliner Nachbarschaftsheimen ist ein Großteil der Mitarbeiter ehrenamtlich tätig. Allein in Schöneberg machen 1600 Bürger mit.

Franziska Felber
Rat und Tat. Rainer Jahns (Mitte) beim Ehepaar Richter in Lichtenrade.
Rat und Tat. Rainer Jahns (Mitte) beim Ehepaar Richter in Lichtenrade.Foto: Georg Moritz

Wenn Wolfgang Richter sich am Telefon meldet, tut er dies meist mit „Ja?“. Für betrügerische Gewinnspielanbieter „ist das oft schon der Vertragsabschluss“, sagt Rainer Jahns. Er ist ehrenamtlicher rechtlicher Betreuer von Wolfgang und Ursemarie Richter. Nachdem Jahns vor rund einem Jahr mit der Unterstützung der beiden 71-Jährigen begonnen hatte, schrieb er ein Dutzend Abmahnungen an „dubiose Firmen“, die Wolfgang Richter mit Verheißungen umwarben. Immer wieder war dieser schwach geworden – heute ist es nur noch eine übersichtliche Summe, die Richter ins Lottospiel investiert.

Einmal die Woche besucht Jahns die Richters in Lichtenrade und hilft ihnen bei der alltäglichen Bürokratie. Seien es Heizkostenabrechnungen, Zählerstände, Kontoführung, Versicherungen – Jahns kommt und übernimmt. Seit acht Jahren engagiert er sich für den Cura-Betreuungsverein Tempelhof-Schöneberg, der zum Nachbarschaftsheim Schöneberg gehört. Mit 900 hauptamtlich und rund 250 frei beschäftigten Mitarbeitern sowie 1600 ehrenamtlichen Helfern ist es das größte Nachbarschaftsheim der Stadt.

Bis 2011 waren die 38 Nachbarschaftsheime und Stadtteilzentren Berlins in einer Landesgruppe organisiert, nun ist diese im bundesweiten „Verband für sozial-kulturelle Arbeit“ aufgegangen. Die Häuser bieten Menschen Hilfe, wenn sie alt sind, arbeitslos oder gesundheitliche Einschränkungen haben. Und nicht nur das: „Bei uns kann man sich auch treffen, wenn man kein Problem hat“, sagt Georg Zinner, Geschäftsführer des Nachbarschaftsheims Schöneberg. „Wir sind sozial und kulturell ausgerichtet.“ Es gibt Chöre, Kitas, PC-Kurse, Tanzgruppen und pflegerische Dienste. Zinner kam 1978 als Geschäftsführer zum Nachbarschaftsheim, damals hatte er „keine zehn Mitarbeiter“. Heute stehen jährlich rund 30 Millionen Euro zur Verfügung, der Großteil davon ist selbst erwirtschaftet. Etwa zehn Prozent sind Fördergelder und Zuwendungen des Senats.

Der Betreuungsverein wurde vor fast 20 Jahren vom Nachbarschaftsheim gegründet. Rainer Jahns ist ungeplant dazugestoßen: Eine alte Dame, mit der er beruflich zu tun hatte, gab ihn im Krankenhaus als Kontaktperson an. „Die Sozialarbeiterin hat mich dann gefragt, ob ich die rechtliche Betreuung übernehmen möchte“, sagt Jahns. Bei der Frage, wie viele Klienten er habe, zögert er und sagt nur: „Einige.“ Dazu gehören alte Leute, psychisch Erkrankte und Alkoholiker. Seine berühmteste Klientin war Molly Luft, die „dickste Hure Deutschlands“; zuvor hatte er ihren Ehemann rechtlich betreut. Der erste Gang durch den Papierkram sei meist sehr zeitaufwendig, sagt Jahns. Später widme er den Betreuten noch etwa 15 Minuten wöchentlich.

Die Richters leben seit 20 Jahren in ihrer Wohnung. Die Wände sind behängt mit Bilderrahmen, Tellergemälden und gestickten Wandbildern, auf den Ablagen stehen noch mehr Rahmen und kleine Skulpturen. Ein Putzdienst sorgt für Ordnung, außerdem kümmern sich ein Pfleger der Sozialstation, ein Essensdienst und die Nachbarin um die Richters. Die zwei Töchter, die beide mit in die Ehe gebracht haben, leben nicht in der Stadt. „Wie geht’s?“, fragt Jahns, als er sich zum Ehepaar an den Frühstückstisch setzt. „Ich bin gesund und munter“, sagt Ursemarie Richter. Aber sie kann das Haus nicht mehr verlassen, auch ihr Mann tut dies nur noch selten. „Gibt es Post?“, ist Jahns zweite Frage, Wolfgang Richter reicht ihm eine Heizkostenabrechnung.

Den Cura-Betreuungsverein gibt es auch in Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf. Durch seinen Sitz in Friedenau liegt das Nachbarschaftsheim an der Schnittstelle der Bezirke. Als Besonderheit hebt Zinner das Engagement der Bürger hervor: Sie merkten als Erste, wenn etwas nicht stimmt; öffentliche Institutionen bekämen Probleme oft gar nicht mit. „Wie sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern, so müssen wir uns weiterentwickeln“, sagt Zinner.

Nach Rainer Jahns Erfahrung sind Menschen im Alter viel zu oft auf sich allein gestellt. Bei der Betreuung des Ehepaars Richter arbeitet er mit der Sozialstation zusammen. Ein Pfleger ist täglich in der Wohnung, in Absprache mit ihm hat Jahns für Ursemarie Richter ein neues Bett mit elektrischer Hebevorrichtung beantragt. Für den schwerhörigen Wolfgang Richter besorgte er einen Apparat, der blitzt, wenn das Telefon klingelt.

Als Jahns sich verabschiedet, ruft er Wolfgang Richter ein „Bis nächste Woche“ ins Ohr. „Erst?“, fragt Ursemarie Richter. Offensichtlich hat sie Jahns gerne zu Besuch.

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