Soziales Engagement : Gottes Baubrigade

Zu Weihnachten sind urige Dorfkirchen in Brandenburg voll – das ist auch Familie Blank zu verdanken Rund 120 Gotteshäuser haben DDR-Freiwilligentrupps saniert. Als Dank gab es nicht nur West-Kaffee.

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Ohne Manfred Blank und seine Freiwilligenbrigade würden in vielen Dorfkirchen in Brandenburg zu Weihnachten keine Kerzen angezündet werden. Viele Gotteshäuser wären schon zu DDR-Zeiten zerfallen, doch seit Ende der 60er Jahre waren Blank und seine Helfer unentwegt im Einsatz, am Wochenende, im Urlaub. Wenn die kleinen Dorfkirchen während der Feiertagsgottesdienste wieder voll sind, werden sich einige Besucher noch daran erinnern können, wie diese Kirchen gerettet wurden. Manfred Blank hat damals um das Engagement kein Aufhebens gemacht. Man verstand sich auch so, ohne viele Worte.

Es begann Ende der 60er Jahre mit der baufälligen Friedhofsmauer in seinem Heimatort Strasburg in Mecklenburg-Vorpommern. Der Pastor war ein charismatischer Mensch, der andere begeistern konnte. Hier war Blank konfirmiert worden. Später hat er eine Lehre zum Maurer gemacht, hat sich dann als Zimmermann und schließlich als Bauleiter ausbilden lassen. Die Kirchen konnten damals keine Handwerker bekommen. Die Kapazitäten waren begrenzt, und die meisten jungen Handwerker gingen eh in die Hauptstadt der DDR, nach Berlin. Manfred Blank besorgte sich also ein paar Leute, die er kannte, und reparierte dann die Kirchenmauer. Davon hörte der Pastor aus einem Nachbarort, und bald ging die Kunde von Pastor zu Pastor, dass es da eine Truppe gebe, die helfen könne … Viele Kirchen hatten noch schwere Kriegsschäden, Löcher in Dächern und Mauern, die Wind und Wetter durchließen. „Man war ja so erzogen, dass man auch Gutes tut“, beschreibt Blank seine Motivation. In der Woche musste Manfred Blank seiner normalen Arbeit nachgehen. Damals baute er Getreidesilos.

Wenn ein Pastor zu Hause vorbeikam und um Hilfe bat, schaute sich erst mal Blanks Frau Heide-Marie die Kirche an und schrieb auf, was gemacht werden musste, was an Material gebraucht wurde. Freitagabends versorgte sie dann die Leute ihres Mannes, die oft in ihrem Haus übernachteten, bevor es am Samstagmorgen zum Einsatzort ging. Gearbeitet wurde bis acht Uhr abends und am Sonntag bis mittags. „Kupfer für die Dachabdeckungen wurde oft vom Westen gespendet“, erinnert sich Blank. Der 67-Jährige ist ein breiter, kräftiger Mann, dem man noch heute als Rentner ansieht, dass er den Hut aufhatte. Seine Frau, die Krippenerzieherin war, besitzt die patente Ausstrahlung, die man wohl brauchte, um sich neben Familie und Beruf zu engagieren. Die beiden erzählen das beim Kaffee im „Wendenkönig“ in Prenzlau. „Die große Kirche, an der wir gerade vorbeigefahren sind, die haben die Schweden gemacht“, sagen sie. Die kleinen waren das Problem. Rund 120 habe er unter seinen Fittichen gehabt, schätzt Blank.

Einmal hat ausgerechnet Heiligabend in Anklam ein Sturm das Kirchendach weggefegt. Da musste die Freiwilligenbrigade ganz schnell ran. Obwohl im Januar eigentlich Pause war, meist wurde bis Weihnachten renoviert. Blank erinnert sich noch an einen Heiligabend im brandenburgischen Hetzdorf. Da war beim Freudenfest zur Fertigstellung sogar ein Pastor aus Hamburg zu Besuch, dessen Gemeinde mit Spenden für Material geholfen hatte. Die Anerkennung war wichtig für die Motivation. Mal ein Klaps auf die Schulter: „Toll, was ihr da macht.“ Mal gab es „ein Wort zum Sonntag“. So nannten die Handwerker Geschenke der Pastoren, die aus West-Päckchen kamen. Ein Pfund Kaffee vielleicht, oder auch mal ein schönes Stück Seife oder einen echten 5-DM-Schein. Es gab auch Dankeschönschreiben mit Segenswünschen. Blank zieht einen vergilbten Block aus der Tasche. „Du bist unsere Hilfe“, steht da drauf. Das war das Motto der Freiwilligenkolonne. In Zweiergruppen gingen sie in verschiedene Familien zum Essen, manchmal waren sie in Restaurants eingeladen. Die Freiwilligenbrigade hatte nicht nur in Kirchenkreisen hohes Ansehen. Manchmal nahmen sie den ganzen Kirchturm ab, um ihn einrüsten zu können. In Wolgast haben sie mal einen Turm repariert, der auf eine Werft blickte, in der Kriegsschiffe gebaut wurden. Da bekamen sie freilich einen Wachsoldaten zugeteilt, der auf einem Kran saß und aufpasste, dass nicht etwa Fotos gemacht wurden.

Nicht alle, die Blank zusammentrommelte, waren kirchlich orientiert. Manchmal konnten die Pastoren, die heilfroh waren, dass sie auf diesem Weg überhaupt Hilfe bekamen, 5 Mark bezahlen. Blank verstand es, Material zu organisieren, indem er mit den Menschen sprach. Kam er beim Chef nicht durch, probierte er es schon mal beim Lagerverwalter. Und die Stasi? Die mochte sich offensichtlich nicht mit so gefragten Arbeitern anlegen, schaute nicht hin. Es habe auch bei der Stasi Leute gegeben, mit denen man reden konnte, sagt Blank.

Der massige Handwerker ist auch ein sensibler Menschenkenner, der genau wusste, in welchem Dorf der Pastor das Sagen hatte und wo der Bürgermeister. So, wie er es erzählt, hatten die Pastoren mehr Einfluss, als man im Westen ahnte. Viele konnten Gemeindemitglieder dafür gewinnen, Schutt weg- oder Material in den Kirchturm zu schleppen. Es sei Quatsch, dass Brandenburg oder überhaupt die neuen Länder heidnisch waren, fügt Heide-Marie Blank hinzu. Anfang der 80er Jahre sei auch mehr für Jugendliche angeboten worden.

So ein sanierter Turm war auch ein Symbol, dass die Kirche noch da ist. „Es war immer ein schönes Gefühl, wenn er mit frisch gedecktem Kupferdach wieder über die Lande leuchtete“, sagen die beiden. In Gartz an der Oder hatten sie es mit einer Kriegsruine zu tun, ein schwerer Fall. Das war 1989, und Blank wollte eigentlich auch zu den Demonstrationen gehen. Da wurde der Pastor dann doch energisch: „Macht ihr eure Arbeit, ich gehe zur Demonstration.“ Auf keinen Fall sollte riskiert werden, dass der kostbare Trupp noch im Gefängnis landete.

Alle fünf Jahre hätten sie auch noch Zeit gehabt, ein Kind zu bekommen, lächelt das Ehepaar. „Fünf Enkel haben wir, ganz wichtig“, sagt Blank stolz. Die Söhne haben das Engagement des Vaters zum Beruf gemacht und besitzen ein Unternehmen, das darauf spezialisiert ist, denkmalgeschützte Gebäude zu restaurieren. Und die Tochter, Jahrgang 1970, ist nach England gegangen. Als Pastorin.

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