Soziales Engagement : Mit heißem Herzen

Jugendliche sind eigentlich die Stütze der Freiwilligendienste. Doch Schule und Uni kosten mehr Zeit. Jetzt werden Helfer umworben.

von und Julia Kirchner / dpa
Leidenschaftlich. Auf Plakaten stellen die Malteser junge Ehrenamtler vor.
Leidenschaftlich. Auf Plakaten stellen die Malteser junge Ehrenamtler vor.Foto: promo

Sie pflanzen Bäume in der Großstadt – und lernen außerdem für ihre Abschlussprüfung. Sie trainieren Kinder im Nachwuchssportkader – und machen parallel dazu ihr Abitur. Sie helfen Kommilitonen bei der Kursvorbereitung – und posten abends Tipps zu nachhaltigem Konsum auf sozialen Seiten im Internet. Junge Menschen habe jede Menge Energie. Und doch finden viele von ihnen wenig Zeit fürs Ehrenamt, wie jetzt eine Studie des Forschungsverbundes Deutsches Jugendinstitut und Technische Universität Dortmund zeigt. Um engagierte junge Berliner und Brandenburger für ein Ehrenamt zu begeistern, hat der Malteser Hilfsdienst stadtweit und multimedial eine neue Kampagne gestartet. Da sind junge ehrenamtliche Malteser zu sehen, Ehrenamtliche aus dem wahren Leben, um die 20 Jahre jung, die für andere Menschen unterwegs sind – und selbst viel davon haben.

Beim Malteser Hilfsdienst in Berlin sind von den 1000 Ehrenamtlichen rund 450 zwischen 16 und 30 Jahre alt. Auch dieser soziale Träger weiß davon zu berichten, dass viele Jugendliche zwar gern etwas tun möchten, aber sich den Alltag oft zunehmend nicht dafür freischaufeln können. Denn das schnellere Abitur nach Klasse zwölf oder auch die Umstellung auf Bachelor- und Masterabschluss an der Uni seien sehr aufwendig, durch die gestiegenen Ansprüche von außen fühlten sich viele Jugendliche unter Druck gesetzt, heißt es auch in der Studie. Eine Herausforderung für die Träger der Ehrenamtsdienste – in den vergangenen Jahren hat es nämlich laut einer Studie des Berliner Senats gerade bei der jüngeren Zielgruppe einen Zuwachs gegeben. Doch nun könnte der Trend kippen.

Für die Studie befragt wurden sowohl Mitarbeiter in Organisationen als auch junge Erwachsene, die sich engagieren. Für manche Dinge bleibt ihnen immer weniger Zeit, etwa für ehrenamtliche Arbeit – fast drei Viertel der Befragten (73 Prozent) stimmten dieser Aussage zu. Von den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen haben 78 Prozent den Eindruck, dass der zeitliche Umfang des Engagements in den vorigen fünf Jahren abgenommen habe. 81 Prozent beklagen, es sei schwieriger geworden, mit Jugendlichen Termine für Aktivitäten auszumachen.

Im zweiten Teil der Studie wurden junge Erwachsene selbst befragt. Unter den ehrenamtlich Tätigen bringen die 14- bis 18-Jährigen im Schnitt etwa 5,2 Stunden pro Woche dafür auf. Mit dem Alter steigt der Zeitaufwand: Die 22- bis 26-Jährigen arbeiten 7,2 Stunden die Woche nebenher und die 30- bis 35-Jährigen 8,1 Stunden. Obwohl knapp die Hälfte (46 Prozent) der Befragten angab, sich durch ehrenamtliche Aufgaben gestresst zu fühlen, sagten drei Viertel (75 Prozent), dass sie ihre Aktivitäten gut mit anderen Lebensbereichen verbinden können. Elf Prozent würden aber gerne etwas kürzertreten.

Die unterschiedliche Wahrnehmung bei den Organisationen und aufseiten der Jugendlichen selbst erklären die Wissenschaftler dadurch, dass an der Befragung nur stark engagierte Jugendliche teilgenommen hätten. Die Gruppe derjenigen, die aus Zeitmangel gar kein Ehrenamt ausübe, konnte so nicht abgebildet werden.

Für die Studie „Keine Zeit für Jugendarbeit“ wurden 3735 Menschen befragt, davon 3071 Ehrenamtliche, 518 Hauptberufliche und 146 Honorarkräfte oder Freiwilligendienstler. Von den Personen, die selbst regelmäßig ehrenamtlich arbeiten, waren 42 Prozent zwischen 13 und 21 Jahre alt, 35 Prozent 22 bis 29 Jahre alt und 23 Prozent 30 Jahre und älter. Julia Kirchner (dpa), Annette Kögel

0 Kommentare

Neuester Kommentar