Soziales Engagement : Niemanden alt aussehen lassen

Auch Senioren mit wenig Geld haben ein Recht auf Lebensfreude, findet Schauspielerin Mariella Ahrens.

von
Spaß mit Senioren. Beim Sommerfest des Marie-Schlei-Hauses in Reinickendorf feierte Mariella Ahrens (Mitte) mit den Bewohnern. Ihr Verein „Lebensherbst“ unterstützt die Einrichtung der Berliner Arbeiterwohlfahrt.
Spaß mit Senioren. Beim Sommerfest des Marie-Schlei-Hauses in Reinickendorf feierte Mariella Ahrens (Mitte) mit den Bewohnern. Ihr...Foto: DAVIDS/Dominique Ecken

Vier Jahre lang hat Mariella Ahrens bei ihren Großeltern in Bulgarien gelebt. Es waren die ersten Jahre der Schauspielerin, weil die Eltern, ein Computerspezialist und eine Ärztin, damals in Leningrad studierten, wo sie auch geboren wurde. Die Zeit bei den Großeltern hat sie geprägt, denn sonst würde sich die Schauspielerin wohl kaum eines Themas annehmen, das ziemlich schwierig ist. Sie sammelt Geld, um alten Menschen das Leben zu verschönern.

Mit ihrem Verein „Lebensherbst“ will sie die Lebensfreude in der letzten Phase des Lebens größer machen. „Alte Menschen haben darauf genauso ein Recht wie Kinder, aber viele sehen das nicht“, sagt sie. Auch für Kinderprojekte hat sie sich schon eingesetzt, war World-Vision- Botschafterin für Swasiland und unterstützt ein Kinderzentrum in Marzahn. Das war vergleichsweise einfach. „Alle mögen Kinder, alle verstehen, dass man sie fördern muss.“ Wenn Mariella Ahrens für Kinder sammelt, muss sie nichts rechtfertigen und nichts erklären. „Das ist ganz anders, wenn man für alte Menschen sammelt, da ist es sehr schwierig, an Spenden heranzukommen. Es gibt aber nun mal nicht nur arme Kinder, sondern auch arme Senioren.“

Für Spenden wirbt sie bei Auftritten in Talkshows oder auch mal bei einer eigenen Gala. „Am liebsten wäre es mir, wenn wir einen Hauptsponsor fänden“, sagt sie. Viele glaubten wohl, dass es keinen Sinn mehr mache, das Ende des Lebens aufzuhellen. Aber es gibt ja auch Unternehmen, die Produkte herstellen, die für Senioren besonders interessant sind.

Zu besonderen Anlässen besucht sie Seniorenheime, die von ihrem Verein betreut werden. Beim Sommerfest im Marie-Schlei-Haus der Arbeiterwohlfahrt in Reinickendorf ist sie dabei, obwohl zwei berufliche Projekte „gerade brennen“ und sie immer wieder vor die Tür gehen muss, um das Handy in Schach zu halten. Anfangs sei sie sehr skeptisch gewesen, was die Besuche der prominenten Schauspielerin betrifft, erzählt derweil die sehr bodenständig wirkende AWO-Pflegedienst-Sprecherin Birgit Bauer. Aber die Art des Umgangs, den Mariella Ahrens mit den alten Menschen pflege, habe sie überzeugt. „Sie meint das wirklich ernst.“

Im Marie-Schlei-Haus stammen das Aquarium, die Computerecke und die Heimkinoanlage vom Verein „Lebensherbst“. Im Lore-Lipschitz-Haus in Neukölln konnte ein Zahnarztstuhl angeschafft werden für Bewohner, die das Heim nicht mehr verlassen können. Da kommt der Zahnarzt jetzt ins Haus.

Für alleinstehende Heimbewohner gibt es außerdem regelmäßig Weihnachtsfeiern, bei denen die Schauspielerin Geschenke verteilt. Auch Geburtstagsgeschenke für Menschen, die niemanden mehr haben, oder Computerecken, in denen die alten Menschen mit Hilfe von Schulkooperationen Kontakt aufnehmen können zu Kindern, die im Ausland leben, finanziert der Verein. Manchmal ermöglicht der Verein auch Kaffeefahrten oder vorweihnachtliche Lichterfahrten über den Kurfürstendamm, kleine Dinge, die alten Menschen Freude bereiten. Durch die hohen Pflegekosten bleibt im Marie-Schlei-Haus vielen Bewohnern von der Rente nur noch ein Sozialhilfe-Taschengeld in Höhe von 93 Euro. Davon müssen sie Kleidung, Pflegeprodukte, Schuhe, Friseur und weitere Dinge des täglichen Bedarfs bezahlen. „Wer dann noch raucht, kann sich gar keine Extras mehr leisten“, sagt Heimleiterin Esther Han. „Von den 64 Bewohnern, die wir haben, sind 40 davon betroffen.“

Die Leiterin ist stolz auf die Pfleger im Haus, weil sie auch privat helfen, wo sie können. „Viele leben ja noch 10 oder sogar 20 Jahre im Heim“, gibt Mariella Ahrens zu bedenken. Wenn sie demnächst im Schlosspark-Theater in „Venedig im Schnee“ auf der Bühne steht, will sie ihre Senioren auch zu einer Nachmittagsvorstellung einladen. Manche kennen sie auch aus Fernsehsendungen wie „SOKO Leipzig“ oder Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen.

Was sie öfter mal erbost, ist die Tatsache, wie manche Betreuer mit dem Hab und Gut der ihnen anvertrauten alten Menschen umgehen. Rund 70 Prozent in diesem Heim hätten keine eigenen Möbel mehr. „Manche besitzen weder Kleidung noch Bücher und Fotos. Ich weiß nicht, was die Betreuer mit den Wohnungen gemacht haben.“ Es tut ihr leid, in leere Zimmer zu kommen, in denen nichts Persönliches mehr an das lange Leben des Bewohners erinnert.

Den Respekt für ältere Menschen hat ihr die Großmutter schon ganz früh beigebracht, zum Beispiel, dass man nicht lachen darf, wenn jemand nicht mehr so fit ist. Sie selbst nimmt ihre Töchter, die 5 und 13 Jahre alt sind, auch gerne mal mit, wenn sie Besuche in Heimen macht.

Vor acht Jahren kam sie auf die Idee, sich für ältere Menschen engagieren zu wollen und entdeckte zu ihrem Erstaunen, dass es da kaum etwas gab. Deshalb gründete sie den Verein. Zu den größeren Projekten gehört ein Open-Air-Fitness-Treffpunkt am Lietzensee mit Geräten speziell für die Bedürfnisse von älteren Menschen. Es ist das dritte Projekt des Vereins, der inzwischen 34 Heime in ganz Deutschland betreut. Die Fitness-Geräte sollen auch Anlass sein, sich zu treffen.

Denn der Verein Lebensherbst hat sich auch den Kampf gegen Einsamkeit im Alter auf die Fahnen geschrieben und organisiert unter anderem Seniorenmeisterschaften im „Wii-Bowling“ an der Spielkonsole. Mariella Ahrens ist stolz darauf, einen Beitrag zur Bewusstseinsänderung zu leisten und hat auch schon Preise für ihre Arbeit bekommen.

Ihre eigenen Eltern sind erst Anfang 60 und noch ziemlich fit. Als sie zuerst davon erfuhren, dass die Tochter, die schon im Alter von 15 Jahren Theater gespielt hatte, zur Schauspielschule gehen wollte, waren sie strikt dagegen. Heute sind sie stolz, und Mariella Ahrens, verheiratetete Gräfin Faber-Castell, würde um keinen Preis ihren Beruf aufgeben. Journalistin wollte die 43-Jährige auch mal werden und spart nicht mit Themenvorschlägen, die sie gern verwirklichen würde im Zusammenhang mit den Nöten älterer Menschen. Eine Journalistin kann sie immerhin demnächst bei Dreharbeiten sein.

Für ihr eigenes Alter hat sie auch schon Wünsche. Am liebsten würde sie es in einem Haus voller Freunde erleben. Wie die zehn Ehrenamtlichen, die im Marie-Schlei-Haus helfen, den Bewohnern das Leben schöner zu machen, verschließt sie nicht ihre Augen vor dem, was kommt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar