Soziales Engagement : Schüler bei Maischberger

Die Fernsehjournalistin engagiert sich für wissbegierigen Nachwuchs – und wurde jetzt ausgezeichnet.

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Alle mal lächeln. Sandra Maischberger (Mitte) mit Schülern im Schloss Bellevue, wo sie für ihren sozialen Einsatz das Bundesverdienstkreuz erhalten hat.
Alle mal lächeln. Sandra Maischberger (Mitte) mit Schülern im Schloss Bellevue, wo sie für ihren sozialen Einsatz das...Foto: Davids / Darmer

So wie sie aufeinander zuschießen, sieht es fast aus, als wollten Ricardo und Daniel vor den Augen des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue eine Keilerei anfangen. Glücklicherweise trügt der Eindruck. Die Förderschüler der Adolf-Reichwein-Schule in Neukölln haben in der „TanzZeit“-Klasse ihre Performance mit dem Titel „Schultern“ vorbereitet. Das geht ganz ohne Musik und sieht nur aus wie der Anlauf zu einer Kampfhandlung. Immer wieder endet es im Auffangen und Aufgefangen-werden.

Der Auftritt ist Teil einer Zeremonie, in der Bundespräsident Joachim Gauck zwölf engagierte Bürger mit dem Bundesverdienstkreuz ehrt, darunter Sandra Maischberger, die nicht nur im Kuratorium des Schülerwettbewerbs „Jugend debattiert“ sitzt und das „Lokale Bündnis für Familien“ in Pankow mitinitiiert hat, sondern auch mit dem von ihr auf den Weg gebrachten Verein „Vincentino“ Schülern hilft, die von Hause aus keine Chancen haben.

Es klingt fast ein wenig vorwurfsvoll, wie Ricardo und Daniel von den Vorbereitungen für ihren Auftritt erzählen. So fleißig sind sie gewesen: „Einmal haben wir vier Stunden lang geprobt.“ Für die Siebtklässler ist das eine lange Zeit. Aber dafür gibt es auch Riesenapplaus. Ein Erfolgserlebnis für die Jungs, denen der Erfolg nicht in die Wiege gelegt worden ist.

Zeit ist durchaus ein Problem für Sandra Maischberger. Sie ist ja nicht nur als Moderatorin auf dem Bildschirm zu sehen. Auch hinter den Kulissen hat sie viele Projekte, ist Regisseurin, Autorin und Produzentin und Mutter eines sechsjährigen Sohnes. Und trotzdem findet sie seit fünf Jahren immer wieder Zeit für Jugendliche, die kaum Perspektiven haben.

Unter dem Klingelschild für die Produktionsfirma Vincent in der Charlottenstraße in Mitte gibt es einen kleinen Hinweis auf „Vincentino“. Das ist der Verein, der unter anderem Hauptschulabbrechern aufzeigt, was man mit dem Leben Sinnvolles anfangen kann. Tanzen lernen zum Beispiel. Oder Filme machen. Sandra Maischberger spricht viel schneller als im Fernsehen, als wolle sie möglichst viel unterbringen in der Zeit des Interviews. Die Schicksale bewegen sie. Da ist „die spargeldünne Tochter einer Drogensüchtigen mit dem ebenfalls spargeligen Selbstbewusstsein“, da ist der Junge aus einer großen Flüchtlingsfamilie, der sich nicht konzentrieren kann.

Normalerweise ist es schwer, an diese Jugendlichen heranzukommen. Der Verein schickt Künstler unter anderem in die Adolf-Reichwein-Schule. Dort bieten sie Medienkurse an. „Zuerst haben die Lehrer gedacht, das gibt nie was“, erzählt Sandra Maischberger. Aber den Kindern macht der Medienunterricht Spaß, und nebenbei entwickeln sie Teamfähigkeit und soziale Kompetenz. Und es gibt sogar Synergieeffekte, wenn Medienschüler die Tänzer filmen.

Bislang konzentriert sich der Verein, zu dessen Gründungsmitgliedern unter anderem Lore Maria Peschel-Gutzeit und Peter Raue zählen, auf Schulen in Kreuzberg und Neukölln, an denen bis zu 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben.

Das Projekt Kulturzeit an Schulen umfasst neue Formate wie „Twitteratur“ und „Bloggen mit Brecht“. Maischberger hat die Projektleiterin Barbara Vierfuss kennengelernt bei der Aktion „Gesicht zeigen“ in Lichtenberg Süd. Da wurde ihr am Beispiel einer Schülergruppe aus vielen Nationen klar, dass Bildung der Schlüssel ist, um diese Kinder zu befreien und ihnen Visionen zu geben.

Sandra Maischberger kennt das Gefühl, fremd zu sein. Von 1969 bis 1974 lebte die Familie nahe Rom. Da hat sie sich rundum wohlgefühlt. Alles war entspannt, draußen spielten die Kinder ganz von allein miteinander. Als sie mit acht Jahren zurück nach Deutschland kam, fiel ihr die Eingewöhnung schwer. Allein dass man gemeinsame Aktivitäten mit anderen Kindern organisieren musste, fand sie schrecklich. Auch diese Erinnerung motiviert Sandra Maischberger, Jugendlichen zu helfen, in der neuen Heimat wirklich heimisch zu werden.

Ihre Hauptaufgabe bei Vincentino ist Fundraising. „Dafür nehme ich auch mal Moderationen bei Firmenveranstaltungen an, die ich normalerweise nicht machen würde.“ Am liebsten wäre es ihr, wenn sie als ständigen Partner ein mittelständisches Unternehmen gewinnen könnte. Leicht ist die ehrenamtliche Aufgabe nicht. Besonders am Beginn eines Schuljahres ist es immer wieder schwer, einen neuen Draht zu den Jugendlichen zu finden, weil in den Ferien vieles verloren geht an Struktur im Alltag und erst wieder neu erlernt werden muss.

Wichtig ist es, dass die Projekte während der Unterrichtszeit stattfinden, sonst würden sich die Jugendlichen nicht darauf einlassen. „Im Grunde sind Kinder hungrig nach neuen Erfahrungen“, ist Maischberger überzeugt – gerade auch Kinder, die nicht so viel Glück mit ihren Eltern gehabt haben. Für schwierige Lebensumstände hat sie viel Verständnis. Sie spricht gern mal mit der Kassiererin im Supermarkt. „Die hat ein viel schwereres Leben als ich“, sagt sie nachdenklich.

Noch ist das Projekt nicht alt genug, um auf eine Erfolgsserie zurückblicken zu können. Aber sie freut sich über kleine Anzeichen – das Mädchen aus dem Medienkurs etwa, das doch noch den Schulabschluss geschafft hat. Sie freut sich, dass der Tanzkurs im Schloss Bellevue auftreten darf. Nach den Siebtklässlern, die den Tag im Schloss „wie einen Traum“ erleben, sind die 17- bis 24-Jährigen dran, die der Verein ebenfalls fördert. „Durchsichtig“ heißt ihre Performance, und es geht um Hoffnungen und Zukunftsvisionen.

- weitere Informationen zu den Schulprojekten unter www.vincentino.de

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