Soziales Engagement : Um ihr Leben gelaufen

Jessica ist 14. Und sie hat Leukämie. Ihre Mitschüler organisieren eine Aktion, um das Mädchen zu retten.

Valerie Schönian
Jede Runde zählt. Im Spandauer Helmut-Schleusner-Stadion liefen die Mitschüler von Jessica, solange sie nur konnten. Foto: Mike Wolff
Jede Runde zählt. Im Spandauer Helmut-Schleusner-Stadion liefen die Mitschüler von Jessica, solange sie nur konnten. Foto: Mike...

Die Chance, ein Leben retten zu können, mag unbezahlbar sein – umsonst ist sie nicht. Jessica ist 14 Jahre alt und an Leukämie erkrankt. Sie braucht eine Stammzellentransplantation und dafür einen Menschen, der das gleiche genetische Material besitzt wie sie.

Jede Chance, so einen Spender zu finden, kostet Geld, denn die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) muss 50 Euro für die Auswertung einer Speichelprobe und Registrierung eines potenziellen Spenders aufwenden. Die werden jetzt dringend gesucht, für Jessica. Sie soll viele Chancen bekommen, und deswegen haben sich die Klassenkameraden der Spandauer Wolfgang-Borchert-Sekundarschule um Spendenläufe gekümmert. Jessica konnte bei den Läufen nicht dabei sein. Dafür stand ihre Mutter am Spielfeldrand. Auf ihrem T-Shirt steht: „5 min Zeit, 5 ml – für Jessica ein ganzes Leben.“

„Als die Idee aufkam, waren alle sofort dafür“, sagt Safi Meddan. Der 15-Jährige gehört zur Schülergruppe, die die Aktion organisiert hat. Um Geld für ihre erkrankte Mitschülerin zu bekommen, backten sie bereits Kuchen, schmierten Brötchen und verteilten Flyer. Den Spendenlauf planten sie vier Wochen lang. Als es losging, traten die ersten 50 motivierten Schüler an die Startlinie, auf der Tribüne saßen noch einmal so viele.

Viele hatten das im Kopf, was kürzlich geschah. „Als unsere Lehrerin gesagt hat, dass Jessica Leukämie hat, war es plötzlich ganz still im Raum.“ Sebastian Sikolski ist in der Klasse, in der seit Mai Jessicas leerer Stuhl steht. Sebastian darf sich mit seinen 15 Jahren noch nicht für eine Knochenmarkspende typisieren lassen. Deswegen läuft er jetzt. „Wir wollen ja alle, dass sie wiederkommt.“

Die Zuschauer brüllen am Start, ihre Mitschüler spurten los. Der Pulk aus kleinen und großen Schülern, aus Siebt- und Neuntklässlern stürmt auf die 400 Meter lange Bahn. In der Hand halten alle ihren Spendenzettel, mit dem sie sich ihre Runden abstreichen lassen. Sie haben Sponsoren gewonnen, die ihnen für jede Runde mal 50 Cent, mal 20 Euro zusicherten. Vor der Tribüne hängen am gelben Zaun knallrote DKMS-Luftballons und Plakate, auf denen „Retten Sie Jessicas Leben“ und „Wir laufen für Jessica“ steht. Auf einem Bild sieht man Jessica, mit schüchternem Lächeln und einem Funken kindlicher Frechheit in den Augen.

Nach 20 Minuten Lauf sind viele Kinder erschöpft, sie gehen zwischendurch, stemmen ihre Arme in die Seite. Dann laufen sie wieder los. 45 Minuten lang drehen sie die Runden um die grüne Sportwiese. Am Dienstag voriger Woche schafften die Schüler 716 Runden, am Donnerstag liefen 60 andere Schüler noch einmal 892 Runden . Mehr als 2000 Euro kamen schon zusammen. Das sind schon jetzt 40 Chancen für Jessica.

Ihre Eltern riefen mit Unterstützung der DKMS eine Hilfsinternetseite ins Leben. Bei einer Spendenaktion Anfang September in Spandau gewann sie 1380 Blutspender. Zum Engagement der Mitschüler fehlen der zweifachen Mutter die Worte. Sie überlegt. „Es ist überwältigend.“

Nachdem ihre Tochter erfahren hatte, dass sie Leukämie hat, sei sie in ein Loch gefallen. Jessica aß nicht, trank nicht, redete nicht. „Jetzt sagt sie: Wenn so viele Menschen für mich kämpfen, kann ich ja nicht aufgeben.“

Geld- und Knochenmarksspender finden Infos unter: www.wir-retten-jessica.de, oder rufen die Nummer 617 43 713 an.

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