Berlin : Sozialkunde für Sozialdemokraten

Eine Gruppe Parlamentarier spazierte durch den Neuköllner Rollbergkiez – eines jener Wohnviertel, die in der neuesten Untersuchung am schlechtesten wegkamen

Marc Neller

Fangen wir am Ende der Kette an: in der Station der Polizei in Neukölln, die zuständig ist für den Abschnitt 55. Dort nimmt eine Handvoll SPD-Abgeordnete (oder deren Vertrung) Unterricht im Fach „Soziale Probleme im Rollbergkiez“. Die erste Stunde am Mittwochmorgen ist Theorie. Um 14 Prozent sei die Kriminalität im Kiez zurückgegangen, sagt der Referent der Polizei. Ob das so bleibe, hänge von der wirtschaftlichen Lage ab. Und: „Im Moment ist die Lage hier stabil. Der Idealzustand ist aber noch lange nicht erreicht. Es kann jederzeit umschlagen, wenn das Geld für wichtige Maßnahmen fehlt.“ Soweit die Theorie, von einem Praktiker.

Anschließend wandern die Abgeordneten mit drei Quartiersmanagern durch das Viertel, um sich von den Fachleuten an den Originalschauplätzen erklären zu lassen, welche Probleme wie zustande kommen. Der Tross ist etwa fünf Minuten unterwegs, da platzt ein Anwohner in die Gruppe. Er sagt, dass in der ganzen Gegend um den Falkplatz herum ein paar Dinge grundsätzlich daneben liefen. Seine Worte sind nicht zitierfähig, aber hinterher sagt einer aus der Gruppe: „Auch wenn er betrunken war, der Mann hatte Recht. Die Mieten hier sind zu teuer. Acht Euro warm für den Quadratmeter, das können sich nur wenige leisten. Und die, die es könnten, sehen es nicht ein, hier steigende Mieten zu bezahlen.“ Deswegen ziehen Besserverdiener weg. Der Kiez entfernt sich weiter von jenem Idealzustand, den nicht nur der Polizeireferent vermisst.

Der Rollbergkiez, sagt ein Quartiersmanager, sei eine Gruppe von Satellitenstraßen. In einer Straße lebten Rentner, in einer anderen Sozialhilfeempfänger. Hier Araber, dort Türken. In vielen Blocks wohnten nur noch Menschen einer Nationalität oder Großfamilien. Diese Tendenz steige. „Die Gruppen haben nichts miteinander zu tun und wollen das auch nicht.“ Und noch eine andere Statistik: Vier von zehn Kiezbewohnern haben keine Arbeit. Drei von zehn leben von der Sozialhilfe. Im aktuellen Sozialatlas liegt der Rollbergkiez ganz hinten.

„Gerade um den Falkplatz herum stimmt die soziale Mischung nicht“, sagt Quartiersmanager Gilles Duhem. Die Gruppe hat vor einer der schmucklosen Fünfzigerjahre-Bauten halt gemacht. „Die Verarmung wird weitergehen. Der Leerstand zunehmen, wenn man sich nicht auf die wichtigen Aufgaben besinnt.“ Damit meint Duhem, die Gruppen füreinander zu interessieren, wie sie es mit dem Gemeinschaftshaus in der Morusstraße versuchen. Nach diesem Anschauungsunterricht sagt Fritz Felgentreu, rechtspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus: „Es gibt einiges, das man mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung besprechen muss.“

Das findet Gilles Duhem auch. Es geht um ABM-Stellen, die gestrichen werden und um das Geld, das die Quartiersmanager vom Land bekommen. Der Schlüssel, nach dem es verteilt werde, sei so kompliziert, dass er ihn nicht verstehe. Sagt Duhem. „Mehr Planungssicherheit wäre gut. Wir jammern ja nicht und sagen, wir brauchen mehr.“ In diesem Jahr hat er 320 000 Euro, den höchsten Etat bisher. Aber weniger Sozialhelfer. „Das“, sagt Duhem, „ist etwas absurd“.

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