Sozialwohnungen : Wer nicht zahlen kann, muss ausziehen

Nach dem Wegfall von Landeszuschüssen sind 28.000 Sozialwohnungen drastisch teurer geworden. Verdrängte Mieter brauchen oft Hilfe bei der Suche nach einem bezahlbaren Zuhause.

Früheres Zuhause. Müfit Pöhrenkci musste aus seiner Wohnung im Kreuzberger Fanny-Hensel-Kiez ausziehen. In den als Sozialbauten errichteten Häusern gab es starke Mieterhöhungen, die sich der Hartz-IV-Empfänger nicht mehr leisten konnte. 
Früheres Zuhause. Müfit Pöhrenkci musste aus seiner Wohnung im Kreuzberger Fanny-Hensel-Kiez ausziehen. In den als Sozialbauten...Foto: Mike Wolff

Es ist ein stiller Exodus. Ob in Neukölln, Kreuzberg oder Schöneberg: Mieter ziehen um, machen Zahlungskräftigeren Platz. Im Sommer gab es kräftige Mieterhöhungen für Sozialwohnungen in den Innenstadtbezirken. Das war für viele zu viel. Andere Mieter, die noch in den Häusern wohnen, möchten ihre Namen nicht in der Zeitung lesen, aus Angst, dass der Vermieter Ärger macht. Denn in manchen Fällen hat man sich geeinigt, der Preis soll ab jetzt nicht mehr steigen – doch das ist reine Kulanz des Vermieters: „Man muss immer nett sein, wenn man nicht die dreifache Miete zahlen will“, beschreibt ein Mieter die Situation.

Was zunächst wie ein schlechter Witz klingt, ist bittere Realität für die Bewohner von insgesamt 28.000 Wohnungen in Berlin, die dem Status nach noch Sozialwohnungen sind, für die die öffentlichen Mittel, die so genannte Anschlussförderung, aber ab 2003 gestrichen wurden. In über 700 Objekten in der ganzen Stadt sind Mieter davon betroffen. Mit dem Stopp der Förderung kann der Vermieter die so genannte Kostenmiete verlangen, in Berlin sind das zwischen 13 und 20 Euro nettokalt pro Quadratmeter.

So drastisch erhöht haben bisher zwar nur wenige Vermieter, zum Beispiel im Fall von Martin Becker, der im Juni eine Mieterhöhung von 100 Prozent ins Haus bekam. Weil er die nun verdoppelte Summe für seine Wohnung in der südlichen Friedrichstraße nicht zahlen konnte, musste er innerhalb von 14 Tagen kündigen – danach blieben ihm acht Wochen, um umzuziehen. Heute wohnt er in einer etwas kleineren Altbauwohnung nahe dem Kreuzberger Viktoriapark. Der Umzug, auf den er nicht eingestellt war, sei „finanziell desaströs“ gewesen. Mit der neuen Wohnung ist Becker sehr zufrieden. Doch der Schock wirkt noch nach: „Dass sowas möglich ist, ist ganz schön heftig“, sagt er. Als er vor ein paar Jahren in die Friedrichstraße einzog, sei ihm nicht klar gewesen, auf was er sich einlässt.

Wegfall der Anschlussförderung

Damit ist er nicht allein. Ebenfalls nichts vom Sozialwohnungsstatus gewusst hat eine Mieterin, die anonym bleiben möchte. Ein Makler hatte sie ihr sogar noch gegen Provision vermittelt – was bei Sozialwohnungen nicht erlaubt ist. Wenigstens die Provision versucht sie jetzt zurückzubekommen. Als die Mieterhöhung kam, hätten sie und ihre Nachbarn das noch für einen Irrtum gehalten. „Man rechnet nicht damit, dass man so schutzlos ist“, sagt sie.

Hartz-IV-Empfänger aus dem Kreuzberger Fanny-Hensel-Kiez hatten nach der Mieterhöhung Mühe, eine passende Wohnung in der Umgebung zu finden. So wie Müfit Pöhrenkci. Seit 20 Jahren lebte der türkische Familienvater mit seiner Frau und den fünf Kindern in der Schöneberger Straße 5. „Damals 1990 ging es uns gut“, erinnert er sich an die Anfangszeit. Dann wurde er arbeitslos. „Innerhalb eines Jahres stieg die Miete von 960 auf 1460 Euro, da musste ich ausziehen“, sagt Pöhrenkci. Die Quartiershelfer von der „Arbeitsgemeinschaft für Sozialplanung und angewandte Stadtforschung“ (AG SPAS) haben ihm geholfen, eine Wohnung bei der Gewobag in der Nachbarschaft zu finden. Dort wohnen sie jetzt zu fünft. Zwei Töchter sind mittlerweile ausgezogen, haben geheiratet. Weil die Wohnung eigentlich zu teuer war, hat er sich mit der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft auf eine fixe Miete geeinigt. Auch das Jobcenter gibt etwas dazu. Pöhrenkci zeigt sich dankbar: „Ohne die Hilfe vom Bürgermeister und der AG SPAS hätten wir es heute schwer. Auch die Umzugskostenhilfe war eine Rettung für uns.“ Der grüne Bezirksbürgermeister Franz Schulz hatte Alarm geschlagen, als im Frühjahr die Mieten drastisch stiegen.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat seit September die AG SPAS mit der Betreuung und Vermittlung von derzeit rund 360 Mietern beauftragt, die an vier Standorten in Kreuzberg und in Schöneberg von Mietererhöhungen betroffen sind. Die meisten der Mieter lebten von Hartz-IV und müssen umziehen, weil sie die gestiegenen Wohnkosten nicht mehr bezahlen könnten. Die AG SPAS versucht über die landeseigenen Wohnungsunternehmen Ersatz zu finden. Das Problem: In der Nachbarschaft gibt es laut AG SPAS kaum noch Wohnungen, die den Hartz-IV-Regeln entsprechen. Bis an den Stadtrand ziehen müsse derzeit aber niemand.

So hat auch Hatice Caglayan aus dem Fanny-Hensel-Kiez im benachbarten Schöneberg eine Wohnung gefunden. Es war sehr knapp, einen Tag vor der Räumung erst konnte sie umziehen. „Gott sei Dank haben wir das geschafft“, sagt die Mutter dreier Söhne. Auch hier ist die Gewobag mit der Miete ein Stück entgegen gekommen, weil die Wohnung zunächst zu teuer war. Doch die Angst, irgendwann wieder wegen einer Mieterhöhung umziehen zu müssen, ist nicht verschwunden.

Ausgeglichen zeigt sich indessen der ehemalige Vermieter. Wie Frank Fitze, Sprecher und Mitgesellschafter der Elfte EMC asset management GmbH & Co. KG berichtet, seien 17 Mieter von den insgesamt 44 Wohnungen mittlerweile ausgezogen. Die neuen Mieter zahlten 9,60 Euro pro Quadratmeter. Er „hoffe jetzt, dass alle bleiben“.

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