Berlin : Spät am Abend flogen doch noch Steine

50 000 Besucher feierten am Tage friedlich das „Myfest“ in Kreuzberg – danach gab es vereinzelt Krawalle In der Walpurgisnacht hatte die Polizei rigoros durchgegriffen und 119 Randalierer festgenommen

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Bis zum späten Abend war es in Kreuzberg so friedlich und entspannt zugegangen wie selten zuvor; doch kurz vor 22 Uhr flogen dann doch in der Waldemarstraße und der Naunynstraße vereinzelt Steine und Flaschen. Einige hundert Jugendliche randalierten später in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs; die Polizei nahm mehrere Steinewerfer fest. Teilweise wurden Steine aus der Deckung des Festes auf die Polizei geschleudert; im Verlauf ging die Polizei immer wieder gegen einzelne Krawallmacher vor. Mehrfach wurden Mülleimer angezündet; anders als in früheren Jahren griffen Anwohner sofort ein und löschten die Flammen. Auch die Polizei löschte mehrere brennende Müllcontainer. Das Ausmaß des Krawalls war aber geringer als in der Vergangenheit.

Am Tage waren etwa 50 000 Menschen bei Sommerwetter in den Kreuzberger Kiez gekommen, um den 1. Mai zu begehen. In den Straßen waberten Grillwolken; Yogi-Tee und kühles Pils wurden verkauft, auf den Bühnen feierten Musiker und Breakdancer. Am Abend waren Tausende auf dem Oranienplatz dabei, als die linken Alt-Protest-Rocker von „Ton, Steine, Scherben“ ihre alten Hits spielten.

Die Polizei, die mit 5000 Polizisten im Einsatz war, hielt sich in den Seitenstraßen zurück – stattdessen suchten gut gelaunte Polizisten immer wieder den Kontakt zum Bürger; auf Kreuzbergs Straßen waren tagsüber mehr Kinderwagen zu sehen als Polizei-Wannen. Friedlich zog am Abend auch die „Revolutionäre 1. Mai-Demo“ mit 5000 Teilnehmern durch das „Myfest“. Der Friedrichhain-Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz zeigte sich am Abend erleichtert über den weitgehend friedlichen Verlauf: „Ein Verbot der Demo hätte nur Anlass zu Krawall gegeben.“ Schulz lobte außerdem das „sehr kluge Polizeikonzept“. Polizeipräsident Dieter Glietsch zeigte sich kurz vor Beginn der Krawalle mit dem Verlauf des Tages zufrieden. Es sei gut gewesen, dass man den Zug durch das Fest nicht verboten habe, sondern auf das Ehrenwort der Demonstranten vertraut habe. „Unser Konzept der Deeskalation und des konsequenten Einschreitens gegen Gewalt ist insgesamt aufgegangen“, sagte Glietsch in einer vorläufigen Bewertung.

Anti-Konflikt-Teams der Polizei waren den gesamten Tag im Einsatz, um Auseinandersetzungen schon im Entstehen abzuwenden. Unterwegs war auch eine neue Spezialeinheit der Berliner Polizei. Die knapp hundert Zivilbeamten sollten Gewalttaten möglichst schon in der Vorbereitungsphase unterbinden und Rädelsführer sofort festnehmen.

Die einzigen deutlich erkennbaren Polizisten im Kiez rund um den Kreuzberger Mariannenplatz waren am Tage ältere Beamte gewesen, die Kindern auf einem Parcours Fahrradfahren beibrachten. Nur wenige Meter entfernt hatte auch die Feuerwehr sich für die Kinder etwas einfallen lassen. Mit Spritzpistolen konnten sie Blechdosen von einem Podest schießen.

Von Stress, Hektik und Krawalltouristen war nichts zu spüren und zu sehen. Viele Anwohner freuten sich über die vielen Familien, „schließlich nehmen wir so den Randalierern den Platz“, sagte eine Mutter nahe dem Oranienplatz. Friedlich wie anfangs auch bei der Mayday-Parade mit 2500 Teilnehmern. Die Stimmung war fröhlich mit spaßig-kernigen Parolen wie „1-Euro-Jobs für Cops“. Ein wenig erinnerte die Parade mit Lautsprecher- Boxen auf den Lastern an die Love Parade.

Zu Ausschreitungen war es auch am Vorabend gekommen. In der Walpurgisnacht hatte die Polizei 119 Menschen festgenommen, als diese aus einer Gruppe von 1500 Personen am Boxhagener Platz in Friedrichshain mit der Randale begannen. Das sind deutlich mehr Festgenommene als 2006, als die Polizei 72 Personen in Gewahrsam nahm. „Die Änderung unseres Einsatzkonzeptes hat in erster Linie zu weniger Gewalt geführt, aber auch zu mehr Festnahmen“, sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch. Es seien gezielt „Rädelsführer“ aufgegriffen worden. Im Vorjahr seien die Beamten vieler Gewalttätiger nicht habhaft geworden.

Attackiert wurden in jener Nacht auch Journalisten: Am Boxhagener Platz wurde ein Fotograf gezielt angegriffen, seine Kamera zerstört. Auch Fernsehteams wurden behindert. Insgesamt 15 Polizisten wurden verletzt. Ein Beamter erlitt einen Jochbeinbruch und kam ins Krankenhaus. Am frühen Morgen wurden in Friedrichshain mehrere Autos angezündet. Im Mauerpark in Prenzlauer Berg hingegen blieb es dagegen ruhig.

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