Späte Aufklärung : Ruhe im Frieden

1944 wurde John Bremner über Berlin abgeschossen und galt seitdem als verschollen. Am Donnerstag trugen Freunde den britischen Flieger zu Grabe. Er wurde nur 22 Jahre alt.

Jan Oberländer

BerlinDie Gewissheit kommt spät, aber sie tut gut. Im Foyer der britischen Botschaft sitzt die 88-jährige Marjorie Acon lächelnd und weinend in ihrem Rollstuhl. „Ich bin sehr dankbar“, sagt sie leise. 64 Jahre lang galt ihr Bruder John Bremner als vermisst. Nach einem Angriff auf das Berliner Stadtzentrum am 20. Januar 1944 war der Halifax-Bomber LW336, in dem der Flieger-Sergeants als Bordingenieur diente, von einem deutschen Jagdflieger abgeschossen worden. Gestern nun wurde Bremner, der nur 22 Jahre alt wurde, auf dem britischen Militärfriedhof an der Heerstraße mit vollen militärischen Ehren beigesetzt.

Nur vier der acht Besatzungsmitglieder der Halifax konnten sich mit dem Fallschirm retten. Zwei von ihnen wurden aus dem Flugzeug geschleudert und erwachten erst im freien Fall aus ihrer Ohnmacht, gerade noch rechtzeitig, um die Reißleine zu ziehen. Die Überlebenden kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft, zwei ihrer Kameraden wurden tot an der Absturzstelle in einem Waldstück nahe der S-Bahn-Station Hirschgarten in Friedrichshagen gefunden. Zwei Soldaten, darunter Bremner, blieben verschollen. Während der Zeit des Kalten Krieges wurde nicht nach ihnen gesucht.

Reginald Wilson aber konnte die Absturznacht nicht vergessen. Der 85-jährige sitzt neben Marjorie Acon im Botschaftsfoyer. Er trägt einen goldenen Anstecker in Form einer Seidenraupe am Revers seines Anzugs, die Fallschirmfirma schenkt sie jedem, dem ihre Seidenschirme das Leben gerettet haben. Wilson war der Navigator der LW336. Ein Navigator bringt seine Mannschaft nach Hause, sagt er. Wilson fing an zu recherchieren, kontaktierte das Heimatmuseum Köpenick, weil er es in der Nähe des Absturzortes vermutete, er knüpfte Kontakte, suchte nach Zeitzeugen. Mit Erfolg. Im Mai 2006 konnte das Wrack des Bombers in einem Waldstück nahe dem S-Bahnhof Hirschgarten lokalisiert werden. Bei einem zweiten Suchgang wurden dann Knochen gefunden, neben einer verrosteten Fallschirmschnalle. „Ein sehr emotionaler Moment“, sagt Wilson. „Das war kein Stück Metall. Das war ein Mensch.“ Bremner wurde per DNA-Abgleich identifiziert. Von dem achten Flieger, dem Kanadier Charles Dupueis, fehlt weiter jede Spur – wohl für immer.

Dennoch, für Wilson schließt sich ein Kreis. Er habe seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht, sagt er. „Es darf nie wieder Krieg geben“, das sei wichtig. Auf seiner Suche habe er neue Freunde gefunden. „Versöhnung, das ist das Wort.“ Der Enkel des deutschen Piloten, der die Halifax damals zum Absturz brachte, habe ihn vergangenes Jahr in Essex besucht. Sie haben zusammen Champagner getrunken. Jan Oberländer

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben