• Späte Gewissheit: Nach 55 Jahren konnte Eleonore Braunseis das Schicksal ihres Vaters klären - seine Akte lag in Moskau

Berlin : Späte Gewissheit: Nach 55 Jahren konnte Eleonore Braunseis das Schicksal ihres Vaters klären - seine Akte lag in Moskau

Lothar Heinke

Eleonore Braunseis aus Niederschönhausen hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, jemals die näheren Umstände beim Tod ihres seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vermissten Vaters Ernst Schley zu erfahren. Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hatte zwar im vergangenen November der Ungewißheit über Tod oder Leben ein Ende bereitet und kurz mitgeteilt, dass der kriegsgefangene Soldat im März 1945 verstorben sei. Aber detailliertere Angaben über das 55 lange Jahre ungewisse Schicksal des Vaters kamen erst jetzt in einem großen braunen Briefumschlag mit dem Absender "Suchreferat der Liga für Russisch-Deutsche Freundschaft, 101000 Moskau, Maroseika-Straße 7/8 - 27, A/Nr. 190". Inhalt: sieben Seiten der Archivakte Nr. 272226 mit Kopien der akribisch geführten Krankengeschichte des Soldaten und die deutsche Übersetzung. Kosten: 400 Mark.

Für Ellen Braunseis war die unvermutete Mitteilung wie eine Erlösung. "All die Jahre seit 1945 haben wir auf eigene Faust geforscht, lernten ehemalige Kriegskameraden kennen, Menschen, die meinen Vater gesehen haben wollen, die ihm im Gefangenenlager und später im Lazarett begegnet sind. Aber erst die Akte gibt uns nun die Gewißheit. Zwar nahm die Aktion fast ein Jahr in Anspruch, aber der Erfolg ist sehr überzeugend. Nun weiß ich mit Brief und Siegel, dass mein Vater zwei Monate nach der Einberufung zum Volkssturm im Januar 1945 als russischer Kriegsgefangener in einem Militärkrankenhaus bei Posen an Entkräftung, Lungenentzündung und Herzversagen gestorben ist". Wörtlich: "Am 4. März 1945 wurde Schley, Ernst, Sohn von Karl, ins Hospital Nr. 2805, 1. Belorussische Front, mit Diagnose Dystrophie II, kruppöse Pneumonie eingeliefert, wo er am 23. März 1945 an Herztätigkeitsverfall starb".

Aus Moskau kamen Kopien der Todesurkunde, die Mitteilung, dass der damals 44-Jährige "auf dem Kriegsgefangenenfriedhof des Hospitals Nr. 2805, Stadt Dembica, Grab Nr. 13" beigesetzt wurde, sowie Original und Übersetzung der akribisch geführten Krankengeschichte mit täglichen Eintragungen des immer kritischer werdenden Zustandes des Patienten. "So können wir alles nachempfinden - bis zum Ende seines Lebens am 23. März 1945, zehn Uhr".

Auch der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hat seit einiger Zeit Zugang zu den russischen Archiven. Nach langwierigen Verhandlungen erhielt die Suchdienst-Zentrale in München 1992 die erste Diskette mit 15 000 Namen von Deutschen, die in sowjetischen Lagern verstorben sind. Bis heute liegen dem Suchdienst über eine Million Namen aus den Archiven in Moskau, St. Petersburg und Podolsk vor, davon sind 600 000 Menschen in Lagern oder auf Transporten verstorben, die anderen Namen gehören Entlassenen, Deportierten oder an DDR-Behörden übergebenen Deutschen. Auch mit dem FSB, dem einstigen KGB, gibt es eine Vereinbarung, nach der bekannt wurde, dass 200 000 Zivilisten von der Geheimpolizei inhaftiert worden waren. Inzwischen sind 80 000 Namen auf sieben CD-Roms und Disketten in Deutschland eingetroffen. Die Bemühungen um weitere Archivquellen werden auf Institutionen in Polen, Rumänien, Tschechien, der Slowakei, Ex-Jugoslawiens und des Baltikums ausgedehnt.

Immer neue Suchanträge

Jährlich werden, so der Leiter des Berliner Suchdienstes Werner Lerch, landesweit bis zu 20 000 Verschollenenschicksale geklärt. Dennoch sind noch immer 1,4 Schicksale ungeklärt; von den 558 000 Suchanträgen, die seit 1945 in Berlin gestellt wurden, konnten rund 250 000 noch nicht hundertprozentig aufgeklärt werden. Und selbst 55 Jahre nach Kriegsende werden in unserem Land jährlich noch bis zu 4000 neue Suchanträge gestellt - von Aussiedlern, Kindern ehemaliger Besatzungssoldaten oder von Menschen, die erst jetzt erfahren haben, dass sie nicht von ihren leiblichen Eltern erzogen wurden.

Die Wege bis zur "schicksalklärenden Nachricht" sind oft verworren und kompliziert. Wie Kriminalisten müssen die Frauen und Männer vom DRK-Landesnachforschungsdienst zur Sache gehen - einerseits in den Archiven, andererseits aber auch bei der Suche nach dem Suchantragsteller selbst. "Oft sind diese Leute inzwischen verstorben, dann suchen wir deren Angehörige und forschen beim Einwohnermeldeamt, bei Bestattungsunternehmen, beim Amtsgericht im Zusammenhang mit Erbfolgefragen", beschreibt Werner Lerch die Sisyphusarbeit des Suchdienstes. Der profitiert übrigens nach der Öffnung der russischen Archive von der Penibilität, mit der die Sowjets die Krankenakten geführt haben. "Die Zuordnung der aus Rußland kommenden Archivmeldungen zu den von uns gesuchten Verschollensfällen wird dadurch erschwert, dass die Deutschen in den sowjetischen Lagern rein phonetisch, das heißt nach Gehör registriert und kyrillisch niedergeschrieben wurden", sagt Werner Lerch. "Dies führte zu einer Schreibweise der Familiennamen, die nur schwer dem Originalnamen zuzuordnen sind". Nur die Vornamen verursachten keine Identifizierungsprobleme.

Die Genugtuung über ein nach 55 Jahren endlich geklärtes Schicksal sollte allerdings nicht zu jenem beim Suchdienst gefürchteten "Gräbertourismus" führen, an dessen Endziel zumeist eine große Enttäuschung steht: Kriegsgräber, die in der Sowjetunion nicht auf einem ordentlichen Friedhof angelegt worden sind, dürften kaum mehr zu finden sein - nach einem Dekret Stalins mussten sie eingeebnet werden.

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