Spätis in Berlin : Ein Leben außerhalb der Öffnungszeiten

1000 Spätis gibt es in Berlin. Für ihre Betreiber sind die kleinen Shops mal Aufstiegschance, mal letzter Ausweg. Das Geschäft ist hart – und ein Neuköllner Polizist macht es härter: Er hat in seinem Kiez das sonntägliche Verkaufsverbot durchgesetzt.

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Der Familienunternehmer. Mehmets Verwandte hängen vom Späti-Geschäft ab.
Der Familienunternehmer. Mehmets Verwandte hängen vom Späti-Geschäft ab.Foto: William Veder

Letzten Winter haben sie hier im Späti aus Langeweile ein Spiel erfunden. Es ging so: Ein Tischtennisball soll im Bierkasten landen. Die Fächer sind nummeriert und mit Punkten beschriftet. Wer zuerst hundert Punkte hat, gewinnt. Und wer auf fünf der getroffenen Felder getippt hat, schreit Bingo. „Wirf-mich-Bingo“ hat Yasin das Spiel getauft. Monatelang haben sie das gespielt, die ganze Nachbarschaft mit reingezogen. Bis endlich der Frühling kam und man wieder draußen sitzen konnte.

Als es dann richtig heiß wurde, hat Yasin kleine, batteriebetriebene Ventilatoren in Orange besorgt. Zwei Euro pro Stück, eine ganze Menge hat er davon bereits verkauft. Gerade überlegt sich der 24-Jährige, auch Wasserspritzpistolen anzubieten.

Es gibt wohl kaum einen anderen Ort in Berlin, an dem Angebot und Nachfrage so nah beieinanderliegen wie im Späti. In dieser Welt aus Bier, Zigaretten und Süßigkeiten wird der geschäftliche Erfolg oder Misserfolg unmittelbar sichtbar: Gewinn ist, was am Ende der Woche noch in der Kasse ist. Im Späti wird bar gezahlt und Du gesagt.

Ganz einfach eigentlich – und doch kompliziert. Denn hinter jedem der etwa 1000 Spätis in Berlin steckt eine Geschichte. Eine, die oft von Hoffnung handelt und manchmal von Angst. Hoffnung auf ein sicheres Auskommen, auf bescheidenen Wohlstand, vielleicht sogar Aufstieg. Aber eben auch Angst vor dem Scheitern, vor der Pleite. Denn das Geschäftsmodell Späti ist nicht mehr so sicher wie einst. Die alten Regeln wackeln.

Himbeereis und Bier

Aber beginnen wir dort, wo noch alles gut ist. Beginnen wir bei Yasin. Der Späti, den er zusammen mit seiner Schwester Yasmina betreibt, liegt unweit der Yorckstraße in Kreuzberg. Es ist ein kleiner Laden, die Fenster und Türen sind hellblau lackiert. Die Geschwister haben das Geschäft 2013 übernommen. Die Nachbarn geben sich hier die Klinke in die Hand.

Yasin steht im hellgelben Polohemd hinter der Ladentheke. Sein Geschäftsprinzip: Was der Kunde will, das kriegt er auch. Stammkunde Daniel wünscht sich Magnum-Eis, Geschmacksrichtung Himbeer? Yasin hat es am nächsten Tag im Angebot. Das Mädchen von gegenüber möchte Berliner Weiße? Yasin ordert zwei Kisten. Der 24-Jährige weiß, wie Kundenbindung funktioniert – das muss er auch, ohne U-Bahn-Station oder Hauptstraße vor der Tür. Selbst mit den Kleinen aus der Grundschule schräg gegenüber hat er einen Deal. Die bekommen auf die losen Süßigkeiten 50 Prozent Rabatt. Das Geschäft läuft.

Die Durchstarter. Seit 2013 sind die Geschwister Yasin und Yasmina im Späti-Geschäft.
Die Durchstarter. Seit 2013 sind die Geschwister Yasin und Yasmina im Späti-Geschäft.Foto: William Veder

Der Vater von Yasin und Yasmina ist in den 80er Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Ihre Mutter ist Deutsche. Yasin hat Abitur gemacht, arbeitete dann vier Jahre lang in einem Bistro in Mitte. Putzte, kochte, bediente, machte Kasse. Wie eine Ausbildung war das, nur ohne Abschluss. Der Chef stresste, glücklich war Yasin nicht. Er und seine Schwester träumten davon, ein Café zu eröffnen. Mit Gastronomie kannte sich Yasin schließlich aus. Und dann bot ein Bekannter ihnen an, seinen Späti zu übernehmen. Die Möglichkeit, sich endlich selbstständig zu machen.

Putzen fürs Überleben

Doch während Yasin den Späti als Chance sieht, ist er für Hasan Karadag oft eine Bürde. Der 54-Jährige sitzt auf einem der Stühle vor seinem Laden. Ein Stammkunde schüttelt ihm im Vorbeilaufen die Hand, eine Freundin begrüßt ihn mit zwei Küsschen. Ein anderer düst winkend auf dem Fahrrad vorbei. „Ich bin so was wie der Kiezvater“, sagt Hasan. Seit fünf Jahren hat er seinen Laden in der Neuköllner Flughafenstraße, davor sieben Jahre einen anderen, nur ein paar Meter die Straße hoch in der Mainzer. Jeder kennt ihn hier. Zu Hasan kommen die Leute auch, wenn sie sich eine Bohrmaschine leihen wollen oder eine Sackkarre. Hasan hat alles.

Der Späti, ein Wohlstandsgarant? Hasan winkt ab. Seine Frau putzt nachts im Krankenhaus. Der Job ist anstrengend. Hasan tut das weh. Dazu kommt etwas, das hier in Neukölln viele Späti-Besitzer umtreibt und auch in anderen Stadtteilen bereits als unheilvolles Grollen zu vernehmen ist. In Neukölln ist das sonntägliche Verkaufsverbot seit etwa einem Jahr nicht länger nur ein Satz in einem Gesetz. Es wird, anders als anderswo, von Polizei und Ordnungsamt aktiv durchgesetzt. Laut Gesetz dürfen sonntags nur Läden öffnen, die entweder Touristenbedarf verkaufen oder auch wochentags nur ein begrenztes Warenangebot haben: Blumen, Zeitungen, Backwaren und Milchprodukte. Wer sich nicht daran hält, dem drohen Bußgelder. Je öfter man erwischt wird, desto höher ist die Strafe. Bis zu 2500 Euro geht das hoch.

Früher sei das alles einfacher gewesen, in den 2000ern, da gab es keine Kontrollen, sagt Hasan. Jetzt kommen sonntags die Ordnungsamtsmitarbeiter. Sehr nett seien die, er duzt sie sogar. Aber Hasan sind die Regeln ein Rätsel. Warum gilt dieses Gesetz für Spätis, aber nicht für Tankstellen? „Die Spätis sind ein Teil von Berlin“, sagt er. Ständig läuft hinter ihm jemand in den Laden, er muss immer wieder aufspringen und abkassieren.

Das Prinzip ist simpel: aufhaben, wenn andere zuhaben

Dann setzt er sich wieder und sagt einen Satz, der eigentlich das ganze Geschäftsmodell zusammenfasst: „Späti, das heißt aufhaben, wenn andere zuhaben.“ Doch jetzt, wo Kaufland bis 22 Uhr und Kaiser’s bis 24 Uhr geöffnet sind, wird es schwierig. „Und wenn sie uns nun den Sonntag auch noch wegnehmen?“, fragt Hasan. Den Tag, an dem Spätis den größten Umsatz machen?

Hasan sagt, er arbeite 16, 17 Stunden am Tag. Manchmal fühle er sich „wie im offenen Knast“. In den letzten zehn Jahren habe er genau einmal Urlaub gemacht. Ab und zu helfen seine Schwester, seine Nichte, sein Bruder. Aber fast immer ist es Hasan, der hinter der Kasse steht. Späti bedeutet Selbstausbeutung, Sonntag hin oder her.

Hasan deutet die Flughafenstraße entlang. Von seinem Platz aus sind drei weitere Spätis zu sehen, insgesamt sind es sieben oder acht. Die Konkurrenz nimmt zu. Und die Neuen verderben die Preise. „Viele junge Leute machen einen Späti auf, in der Hoffnung auf ein besseres Leben“, sagt Hasan. „Aber reich wird man vom Späti nicht.“ Viele würden sich verschulden, Geld aus der Türkei leihen, um den Laden eröffnen zu können. Im Grunde hofften alle, mit dem Geschäft eine Familie ernähren zu können, manche träumten vom großen Geld. Hasan sieht viele kommen und gehen. „Das ist wie Krieg. Leben oder Sterben.“

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