Berlin : Spätlese

Tag der offenen Tür bei den Ku’damm-Bühnen

Berliner Luft, Luft, Luft. Ein Leierkastenmann war natürlich auch dabei. Foto: Davids
Berliner Luft, Luft, Luft. Ein Leierkastenmann war natürlich auch dabei. Foto: DavidsFoto: DAVIDS

Es ist nie zu spät für ein Aktfoto. Manche ältere Dame hätte sich nie träumen lassen, dass ihr Mann sie je splitterfasernackt ablichten würde, und doch ... die Gelegenheit war zu günstig beim Tag der offenen Tür der Ku’damm-Bühnen am Sonntag: Im Foyer ein Großplakat des Stücks „Kalender Girls“, reife Damen im Evakostüm, durch geschickte Platzierung und zwei Sonnenblumen überaus züchtig drapiert, das Gesicht des obersten, des pfundigsten Girls ausgespart, durch das nun Besucherinnen halb kokett, halb verschämt in die Linse ihres Begleiters grinsten.

„Herzlichen Glückwunsch zum 90.“ – so stand es über der Bühne, womit das Haus sich genaugenommen selbst gratulierte. Am 8. Oktober 1921 war das Theater am Kurfürstendamm eröffnet worden, wegen der Ferien hat man das Jubiläumsfest verschoben, angesichts des gestrigen Zuspruchs sicher eine weise Entscheidung. Schon aus der Ferne sah, wer sich gegen halb eins dem Eingang näherte, das Trottoir verstopft, in der Hauptsache zwar durch das Blasorchester Don Bosco, aber drumherum stand doch eine respektable Menschenmenge, soeben mit orientalischen Weisen munter unterhalten. Innen gab es ebenfalls reichlich Zuspruch, das Publikum im Alter durchaus gemischt, natürlich bühnenaffin, wenngleich, so war zu vermuten, weniger dem Avantgarde- als dem Boulevardtheater zugetan. Dies aber mit Leidenschaft und viel Klatschbereitschaft, die sich soeben im Schlussapplaus für eine Bühnentalkrunde mit Judy Winter, Regisseur Jürgen Wölffer und anderen zum demnächst startenden Stück „Spätlese“ entlud. Hinterher standen selbst gesetzte Herrschaften Schlange um Autogramme.

Ein Familienfest, alles in allem, Selbstvergewisserung der Ku’damm-Theatergemeinde, samt Kinderschminken und Pinocchio-Malwettbewerb, mit einem prophetischen Medium („Einblick in Ihre Zukunft“), was ja auch die Theaterleitung gut gebrauchen kann. Später am Nachmittag war Klaus Wowereit als Zuschauer beim Auftritt der Berlin Comedian Harmonists avisiert, doch nun folgte erst einmal eine Auktion von Kostümen und Requisiten durch Entertainer Oliver Kalkofe. Erster Posten: T-Shirt, Hemd, Hose, 1992 in „Außer Kontrolle“ getragen von Horst Buchholz, das Beinkleid vorne offen. Man müsse sich also nicht mit dem lästigen Reißverschluss abmühen, warb Kalkofe, hatte anfangs aber doch Mühe, das Publikum dafür zu begeistern. Für 16 Euro ging die Männermode schließlich weg.

Draußen standen nun Besucher Schlange am Glücksrad, für Autogramme, CDs und anderen Krimskrams. „Hamse aber schön jemacht“, bemerkte eine ältere Dame zu ihrer weißhaarigen Mutter. Doch, hamse wirklich. ac

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