Spätsommer : Der Herbst in Hochform

Bei strahlender Sonne ließen sich viele Berliner noch mal erwärmen – dem Hoch „Sabine“ sei Dank. Doch schon bald wird es weniger gemütlich, spätestens Dienstag wird es herbstlich kühl und nass.

Annette Kögel
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Freiflug. Auf dem Rasen am Schlossplatz.Foto: Thilo Rückeis

„The Caribbean“ steht auf seinem T-Shirt, die Sonne wärmt die nackten Füße, sein Blick schweift über die glitzernde Spree. „Heute machen wir noch mal so einen richtigen Strandtag“, sagt Patrick Dzierzon, 39, und seine Frau Ira Kim nickt lächelnd. Der Mitarbeiter im diplomatischen Dienst des Auswärtigen Amtes musste am Wahlsonntagabend noch zur Nachtschicht, aber den letzten sommerlichen Tag dieses Jahres genossen seine Frau und er beim „Summer Farewell Festival“ im Yaam-Club gegenüber dem Ostbahnhof. Reggaemusik im Ohr und „Calypso Stew Chicken“ auf dem Teller, wo sonst könnte man den Sommer 2009 besser genießen und Revue passieren lassen.

Laut Meteorologen verabschiedet sich das Hoch „Sabine“, eine Kaltfront aus Skandinavien verdrängt es unerbittlich. Am Montag soll es anfangs noch freundlich sein, dann ziehen Wolken auf, und spätestens Dienstag wird es herbstlich kühl und nass. Gestern machten noch 24 Grad und Sonne pur das Auto zur Sitzsauna, doch Mitte der Woche wird’s bleiern grau und zehn Grad kälter. In der Heimat von Yaam-Besucherin Ira Kim, in Usbekistan „haben wir immer noch schönes Wetter“, sagt die 34-Jährige. Ihr Mann findet großartig, dass die Menschen dort im Sommer ihre Küchenanschlüsse nach draußen verlegen und unter freiem Himmel schlafen. Doch auch die Berliner erobern sich ihre Stadt openair.

Viele Touristen zeigen zu Hause Erinnerungsbilder aus der deutschen Hauptstadt mit Menschen samt freiem Oberkörper auf den Grünflächen mitten in Mitte. Auch gestern schipperten die Ausflugsschiffe vorbei am Hauptbahnhof, zu dessen Füßen am Salome-Traumstrand Tanzpartys gefeiert wurden. Auf der Holztanzfläche wogten die Hüften, und einer küsste sogar so heftig, dass er danach seine Zahnkrone im Schein des Handylichtes im Zuckersand suchen musste. Vergebens. So eine Sommergeschichte hat auch der Diplomat außer Dienst auf Lager. „Ich habe mir wegen des tollen Wetters einen Oldtimer-Roadster gekauft. Aber gefahren bin ich ihn noch nie. Die Bremsen sind defekt, der steht noch in der Werkstatt in Schwaben.“

Aus dem Ländle stammt auch Alexander Ott, 35. Er schleckt gerade Heidelbeer-Schoko-Eis, seine Freundin Christiane Linde, 30 und aus Neukölln nicht wegzukriegen, hat sich für die Sorte Cookies entschieden. „Das hier ist immer noch einer der schönsten Plätze Berlins, auch, um nach der Wahl den letzten Sommertag zu genießen.“ Neben ihm Bierflaschenscherben, überall Kronkorken im Asphalt: Admiralbrücke in Kreuzberg.

In dieser Sommersaison ließen sich Zehntausende über dem Landwehrkanal nieder. Doch bald sollen hier mehr Autos fahren und den teils lautstarken Ausflüglern den Platz streitig machen. Woanders war Lärm vor einigen Wochen noch erwünscht, im Olympiastadion, bei der Leichtathletik-WM. Im Yaam-Club erinnert ein Usain-Bolt-Plakat daran: Er in typischer Siegerpose. Nebenan ist es schon still. Die Pforten zum Oststrand: verrammelt, alles abgeräumt. Die Bar 25 an der Mediaspree ist bereits Vergangenheit. „Ich jedenfalls freue mich auf den Herbst, da gehe ich nicht mehr so oft weg und gebe nicht mehr so viel Geld für Cocktails aus“, sagt eine 38-Jährige aus Lichtenberg. Na dann. Annette Kögel

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