Spandau : Betrunkenes Kind:"Warnsignal an die Gesellschaft"

Ein Siebenjähriger lag mit einer Alkoholvergiftung hilflos auf einem Gehweg in Spandau. Man muss nicht unbedingt von einer Gewöhnung an Alkohol ausgehen, sagt die Fachstelle Suchtprävention. Der Suchtbeautragte des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendärzte ist da jedoch anderer Meinung.

Janina Guthke

Schutzlos und wehrlos lag er am Sonntagabend in Spandau auf einem Gehweg. Als Passanten den Siebenjährigen entdeckten, hatte er etwa zwei Promille Alkohol im Blut. Das Kind musste mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus und endete auf der Intensivstation. Wer ihm den Alkohol gegeben hat, ist immer noch unklar. Nach den Jugendlichen, die mit dem Jungen zusammengewesen sind, werde immer noch gesucht, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag Tagesspiegel.de. Gegen die Eltern werde auch weiterhin nicht ermittelt. Der Siebenjährige liege weiterhin im Krankenhaus.

Wie es zu so einem Fall kommen konnte, beschäftigt auch die Suchtexperten. Fälle von betrunkenen Kindern, die unter zehn Jahre alt sind, seien sehr selten, sagte Inga Bensieck von der Fachstelle Suchtprävention zu Tagesspiegel.de Man könne nicht pauschal sagen, wieviel Alkohol der Junge getrunken habe. „Bei einem Wodka-Cola-Gemisch könnten es vielleicht so um die zwei Gläser gewesen sein.“ In diesem Alter sei jedoch schon eine mit Alkohol gefüllte Praline zu viel für den Körper und das Gehirn. "Alkohol ist ein Zellengift!", sagte Bensieck.

Folgeschäden bei Kindern wahrscheinlicher

Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann Alkohol große Schäden hervorrufen. Da ihre Körper noch in der Entwicklung sind, hat das stärkere Auswirkungen als bei Erwachsenen, sagt Wolf-Rüdiger Horn, Suchtbeauftragter des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Vor allem die Leber ist beim Abbau von Alkohol gefragt. Bei Kindern und Jugendlichen seien die Leberfunktionen noch nicht so ausgereift. Folgeschäden könnten wahrscheinlicher sein als bei erwachsenen Trinkern. Doch ganz genau könne man das nicht vorhersagen: "Es gibt da keine Feldversuche."

Geschmeckt habe ihm der Alkohol wohl nicht, so Bensieck von der Fachstelle Suchtprävention. Das Kind müsse jedoch nicht unbedingt an Alkohol gewöhnt sein, um sich bewusstlos zu trinken. „Solche Rückschlüsse, auch auf die Familie, sollte man nicht zwangsläufig ziehen.“ Die Referentin für Suchtprävention geht in diesem Fall von Gruppenzwang aus. Das sei bei Minderjährigen der häufigste Grund, mit dem Trinken anzufangen. Das Kind hätte vermutlich Teil der Gruppe von Jugendlichen und des neunjährige Bruders sein wollen.

"Erwachsene müssen Verantwortung übernehmen"

Horn glaubt ebenfalls nicht, dass der Siebenjährige den Alkohol ganz freiwillig getrunken hat. Ausgehend von rund 25 Kilogramm Körpergewicht habe das Kind bis zu drei Schnäpse trinken müssen, um einen Wert von zwei Promille zu erreichen. „Ein Kinderkörper verarbeitet Alkohol sehr viel langsamer, deshalb baut sich der Blutalkoholspiegel schneller auf“. Ausschließen will der Kinderarzt nicht, dass der Siebenjährige an Alkohol gewöhnt sein könnte – „durch Medikamente“ oder auf anderen Wegen. Letztendlich würde sich kein Kind so stark betrinken, „wenn es nicht aus einem entsprechenden Milieu kommt oder man flößt es ihm ein“, sagte Horn.

Die Fachstelle für Suchtprävention in Berlin geht von einem dramatischen Einzelfall aus, der jedoch „ein extremes Warnsignal“ auch für die Gesellschaft sei. Den Kindern und Jugendlichen könne man die Verantwortung für so einen Fall nicht zuschieben. Wichtig sei es, Erwachsene so zu sensibilisieren, dass sie bei Alkoholmissbrauch durch Kinder eingreifen. „Es ist mir unverständlich wie jemand einfach vorbeigehen kann, wenn ein Siebenjähriger Alkohol trinkt“, sagte Bensieck.

Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit hat der Alkoholmissbrauch von Kindern und Jugendlichen dramatische Ausmaße angenommen. 20 Prozent der 12- bis 17-jährigen praktizieren ein exzessives Rauschtrinken. Der Einstieg in den Alkoholkonsum erfolgt häufig zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr, Alkoholfälle von unter Zehnjährigen sind hingegen sehr selten. „Es gibt da aber sicher eine Grauzone“, meint Bensieck, und verweist auf den Schluck Sekt zu Sylvester oder zu Geburtstagen. Dennoch sehe sie keine Tendenz in diese Richtung. 2007 wurden über 23.000 Kinder und Jugendliche mit Alkoholvergiftungen in Krankenhäuser eingeliefert, 2000 waren es noch 9.500.

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