Spandau im Dreireiher-Takt : Berlin feiert die erste Ü60-Party

Schunkelnde Rentner, eingehakte Zeitzeugen, beschwingte Glückssucher: Die erste Ü60-Party Berlins wurde in Spandau gefeiert - und war ein voller Erfolg. Jetzt soll sie in Serie gehen.

Moritz Herrmann
Von hier bis zu den Sternen. Boney M. und Helene Fischer sind der Soundtrack für die Feier ohne Attitüde.
Von hier bis zu den Sternen. Boney M. und Helene Fischer sind der Soundtrack für die Feier ohne Attitüde.Foto: Moritz Herrmann

Wenn sich die Tanzfläche leert, spielt er einfach Helene Fischer und schon wird es wieder voll. Helene Fischer geht immer. Übersechzigmusik von einer 29-Jährigen, vertonter Generationenvertrag. „Von hier bis unendlich zu den Sternen der Nacht / Wir wollten doch fliegen, sind am Boden erwacht.“ DJ Thomas Biber, die Spandauer Plattenikone, seit mehr als drei Jahrzehnten am rotierenden Teller, sagt: „Senioren wollen tanzbare Musik, die sie kennen. Also nicht Charts rauf und runter, sondern Schlager und Rock’n’Roll und Twist.“

Musik aus der Vergangenheit, aufbereitet für die Gegenwart. Das Ü60-Partyrezept. Ist das wirklich schon alles? Nein. Michael Schmidt, der Mann, der DJ Biber gebucht und die betagten Gäste am Freitagabend in den Ratskeller Spandau geladen hat, glaubt an die Marktlücke. Ü30-Partys gibt es, Ü40 auch, okay, Ü50 – fast nie, vielleicht schon, wer weiß. Aber Feierei für Menschen über 60? Schmidt, Dreireiher aus beigem Flanell, Weste über dem Hemd, ein Bart, als habe er ihn erst vor zehn Minuten mit Schaum und Klinge nassrasiert, sagt: „Es gibt da ein Bedürfnis. Auch diese Altersgruppe will noch ihren Spaß haben.“

Er selbst ist 60, die Idee kam ihm kurz nach seinem Geburtstag. Eigentlich makelt Schmidt Immobilien, bis zur Wende in Stuttgart, seit dem Mauerfall in Spandau. Für die nach seinen Worten erste Ü60-Party Berlins ist er knapp 100 Karten im Vorverkauf losgeworden, jetzt klingelt die Abendkasse. Die Resonanz ist so gut, dass Anfang 2014 die nächste Party stattfinden soll.

Alle Schlachten sind geschlagen, diese Party ist Bonus

Schmidt blickt über die Tanzfläche. Er sieht schunkelnde Rentner und eingehakte Kaltkriegszeugen, viele Sakkos, Tweed und Nadelstreifen und goldene Manschettenknöpfe, buntgemusterte Blusen und toupierte Extravaganz. Sehhilfen. Gehhilfen noch nicht. Die entspannteste Party der Hauptstadt. Die verkrampfte Attitüde aus Restberlin, dieses Das-ist-die-Nacht-unseres-Lebens, geht den Spandauer Eminenzen völlig ab. Hier muss keiner mehr etwas beweisen. Die großen Schlachten sind geschlagen, die großen Feten gefeiert. Was jetzt noch kommt, ist nur Bonus. Aus der Box singt Caterina Valente: „Sag mir quando, sag mir wann / ich dich wiedersehen kann.“

An einem Tisch ganz vorn im Saal wiegt sich Felicitas Franke, 65, im Takt der Sehnsuchtsrhythmen. Sie trinkt Whiskey-Cola, sechs Euro, „janz schön teuer“. Es gefällt ihr trotzdem. Weil es sowas sonst ja nicht gibt. Weil sowas gefehlt hat. Weil sie auf Männersuche ist. Grinsen. „Felicitas – das heißt: die Glückliche. Ist aber nur ein Name.“ Dann spielt DJ Biber „Rivers of Babylon“ von Boney M. und Franke muss tanzen. „Dit is ja uns’re Mucke.“ Sie dreht sich über das Parkett, gemächlich, wie überhaupt alle Tanzenden sehr höflich miteinander umgehen. Kein Geschubse, kein Geprolle, kein Gepose. Der Gegenentwurf zum Berghain. Um ein Uhr ist Schluss, die Kondition, genau. Felicitas Franke kehrt auf ihren Platz zurück. Erschöpft, erstmal ein Schluck, auf den Augenlidern liegt Geschichte. Sie schaut sich um. „Fällt denn jetzt noch einer für mich ab?“ Ihr Blick verharrt. „Na also, der da gefällt mir!“ Beiges Flanell, Dreireiher. Sie zeigt auf Michael Schmidt.

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