Berlin : "Spandau im Wandel der Geschichte": Die heimliche Hauptstadt

Rainer W. During

Die Spandauer sind reinliche Leute. Als Mitte des 19. Jahrhunderts in der Havelstraße die erste öffentliche "Badezelle" eingerichtet wurde, war mit der einzigen Wanne der Andrang schon bald nicht mehr zu bewältigen. 1857 mußten Reinigungswillige sogar zunächst ins Rathaus, um einen Berechtigungsschein zu erhalten. Erst drei Jahre wurde dem Pächter endlich eine zweite Wanne genehmigt. Nun war der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten, und ein Stadtverordneter plädierte sogar dafür, auch gleich eine Brause zu installieren.

Anekdoten aus der "heimlichen Hauptstadt des Havellandes", die das 1920 eher unwillig nach Berlin eingemeindete Spandau einst war und zu der sie sich seit dem Mauerfall langsam wieder entwickelte. Heimatkundler Jürgen Grothe hat sie in seinem neuesten Werk zusammengetragen. Dem Autor geht es nicht nur um die trockene Chronik von Gebäuden, sondern auch um die Ereignisse, die sich hinter den Mauern zugetragen haben. Von der Gründung Spandows als slawische Grenzfeste im 7. Jahrhundert am heutigen Burgwall spannt Grothe den Bogen bis in die heutige Zeit. Neben den Eckpfeilern der Bezirksgeschichte wie Zitadelle, St.-Nikolai-Kirche und Marktplatz finden sich immer wieder Beschreibungen längst vergessener Stätten wie des Ruhlebener Schlosses oder des Hauses mit dem ehemaligen Eiskeller. Und viele Anekdoten aus der Spandauer Geschichte, die viel vom Leben in der Havelstadt erzählen. So erfährt der Leser, dass auch Spandau eine "Neue Welt" hatte. Im Volksmund hieß das Ausflugslokal vor 100 Jahren allerdings "Blutiger Knochen", weil sich Zivilisten und Soldaten der Garnison nicht selten handfeste Prügeleien um die hübschen Spandauerinnen lieferten.

Das Interesse, das die Berliner schon frühzeitig ihrer Stadt entgegenbrachten, machten sich die Spandauer frühzeitig zunutze. Als während der Befreiungskriege die preußischen Truppen 1813 die von den Franzosen besetzte Zitadelle belagerten, rückten die "Touristen" in Scharen an, in der Hoffnung, eine eiserne Kanonenkugel als Souvenir zu erbeuten. Prompt ließen sich die Havelstädter die Genehmigung erteilen, ein Eintrittsgeld zu erheben. So kamen immerhin 4335 Taler, 10 Groschen und 3 Pfennige für den Wiederaufbau der bei den Kämpfen zerstörten Häuser zusammen.

Rund 80 Fotos, darunter zahlreiche historische Aufnahmen, vermitteln auch einen optischen Eindruck von Spandau im Wandel der Geschichte. Ein ebenso informatives wie unterhaltsames Werk nicht nur für traditionsbewußte Spandauer, sondern auch für Besucher des Bezirks, die etwas tiefer in seine Geschichte einsteigen wollen.

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