Spandau : Vergiftetes Baby: Gefahr durch Morphiumpflaster war bekannt

Ein acht Monate alter Junge starb an einem Medikament, das ihm ein 23-Jähriger in den Mund gesteckt haben soll. Ärzte, Apotheker und Polizei hatten vor dem Missbrauch des von Süchtigen begehrten Präparats gewarnt.

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Zwei Wochen vor dem Morphiumtod eines Säuglings in Spandau hat der hessische Apotheker-Verband vor den Gefahren und dem Missbrauch von Fentanyl-Pflastern gewarnt. Nach Angaben des Verbandes hätten sich „in letzter Zeit die Fälle gehäuft“, in denen Drogenabhängige den Müll von Krankenhäusern durchwühlen, um an diese Pflaster zu gelangen. Für den acht Monate alten Jungen kommt diese Warnung zu spät. Er starb an der massiven Giftmenge. Der 23 Jahre alte André S. sitzt seit Freitagabend in der Untersuchungshaft in Moabit. Er soll dem Sohn einer Bekannten ein Pflaster in den Mund gesteckt haben. Als das Kind tot war, rief er die Feuerwehr. Zunächst deutete nichts auf ein Verbrechen hin. Erst eine Woche später war bei der Obduktion das Pflaster in der Luftröhre des Babys gefunden worden. Es starb nicht durch Ersticken, sondern am Gift.

Fentanyl lindert selbst starke Schmerzen, etwa bei schwer Krebskranken. In der Packungsbeilage zu diesen Pflastern heißt es: Das „Arzneimittel kann für Kinder lebensbedrohlich sein“. Das gelte auch für benutzte Pflaster. Und weiter: „Bedenken Sie, dass das Aussehen des Arzneimittels für ein Kind verlockend sein könnte.“ Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es aber keine Hinweise, dass sich der kleine Junge das Pflaster selbst in den Mund gestopft haben könnte. Im Gegenteil: S. steht unter dringendem Tatverdacht des Totschlags, sagte ein Staatsanwalt. In der Wohnung sollen keine Pflaster für Kinder erreichbar gelegen haben. Woher das Pflaster stammt, ist unklar. Bei der Vernehmung durch die Mordkommission hat der 23-Jährige geschwiegen.

Bei normalem Gebrauch wird der Wirkstoff über drei Tage in die Haut abgegeben. Aus technischen Gründen verbleiben aber immer 70 Prozent des Morphins im Pflaster, und das macht selbst gebrauchte Pflaster für Süchtige interessant. Für ein wenige Kilogramm schweres Baby hätte auch ein kleines Stück Pflaster tödlich gewirkt, zumal das Gift durch den Mund wesentlich schneller wirkt als durch die Haut. Fentanyl ist etwa 100 Mal stärker als Morphium.

 Nach Angaben der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen habe es bei Kindern schon Vergiftungen gegeben, wenn sie ein Pflaster nur angefasst haben. Die Gefahr, die von dieser Spezialarznei ausgeht, ist in Berlin noch weitgehend unbekannt. In München hatte die Kripo 2012 wie berichtet vor den Pflastern gewarnt, nachdem mehrere Drogenabhängige daran gestorben waren. Süchtige kochen die Pflaster aus und spritzen sich den Giftsud. Die Pflaster finden sie laut Kripo im Krankenhausmüll.

Eine Sprecherin einer großen Berliner Klinik hält dies für ihre Einrichtung jedoch kaum für möglich. In „ihrem“ Krankenhaus werden Fentanyl-Pflaster als „infektiöser Müll“ behandelt und in separaten Mülleimern gesammelt. Der Inhalt werde von einer Firma abgeholt und kontrolliert vernichtet. Absolute Sicherheit vor Missbrauch gebe es jedoch nicht. Wegen der großen Gefahr durch diese Pflaster gibt es nach Angaben der Kliniksprecherin sogar Überlegungen, gebrauchte Pflaster wieder einzusammeln und dies zu dokumentieren. Wegen des hohen Verwaltungsaufwandes gebe es dagegen aber Widerstand.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Berlin hatte vor einem Jahr alle Arztpraxen vor einem Mann gewarnt, der sich mit gefälschten Befunden bei Ärzten Fentanyl-Rezepte erschlichen hatte. Nach Angaben der KV ermittelt die Polizei in dem Fall. „Alles, was ein Anästhesist im Koffer hat, ist in der Szene bekannt“, kommentierte dies ein Mediziner.

Ob der Tatverdächtige André S. sich an diesen Pflastern berauscht hat, ist unklar. Die Mutter des kleinen Jungen war für mehrere Tage zu einer Freundin gereist. Wieso S. und nicht der Vater in dieser Zeit das Kind hütete, ist unklar. Die Staatsanwaltschaft hatte von „hoch problematischen sozialen Verhältnissen“ gesprochen. In Spandau war weder das Bezirksamt noch das Jugendamt am Sonnabend für Nachfragen zu erreichen.

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