Berlin : Spandauer Jungen bleiben in Obhut des Krisennotdienstes

Rainer W. During

„Wir stehen vor einem Rätsel, so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Spandaus Jugendstadträtin Ursula Meys gestern. Offensichtlich seien die Eltern der beiden Jungen, die am Freitag von der Polizei aus einer völlig verdreckten Wohnung in der Schäferstraße geholt wurden, in einer kurzfristigen Krisensituation überfordert gewesen. Niemand habe im Vorfeld etwas bemerkt, sagte Stadträtin Meys. Dem steht die Aussage des Hausmeisters entgegen. Vor gut einem Jahr soll dieser dem Jugendamt mitgeteilt haben, dass die Wohnung abgedunkelt sei und er die beiden Kinder selten sehe.

Die sieben und drei Jahre alten Söhne bleiben vorerst in einer Erziehungswohngruppe des Krisennotdienstes. Ob sie unter amtlicher Aufsicht später zu ihren Eltern zurückkehren dürfen, ist offen. Die pflegebedürftige Mutter bleibt vorerst in stationärer Krankenhausbehandlung. Matthias Stock, Niederlassungsleiter der Deutschbau, kündigte an, dass man die Familie unterstützen und für die Renovierung der Wohnung eventuell auch eine Nachbarschaftsaktion initiieren wolle.

Als die Beamten am Freitag die Wohnung betraten, türmte sich der Unrat. Fäkalien befanden sich in Eimern, die Frau habe ihre Notdurft ins Bett verrichtet, der Fußboden war kotverschmiert, sagte Kriminaloberrat Michael Havemann, Dezernatsleiter beim Landeskriminalamt. Gestern war der 45-jährige Vater beim Aufräumen und die Wohnung habe wieder einen ordentlicheren Eindruck gemacht, berichtete Stadträtin Meys. Im April vergangenen Jahres hatten Vertreter der Deutschbau nach Hinweisen aus der Nachbarschaft die Familie aufgesucht. Dabei habe man „nichts Katastrophales“ festgestellt, so Stock. Nur der ältere Sohn habe „etwas zurückgeblieben“ gewirkt.

Der Mutter waren daraufhin ein Besuch oder ein Gespräch im Amt angeboten worden, so Stadträtin Meys. Die Frau habe aber am Telefon versichert, dass der Sohn die Vorschule besuche. Weil es keine Hinweise auf eine Verwahrlosung gab, wurde die ohnehin anstehende Einschulungsuntersuchung des Älteren abgewartet, bei der lediglich eine Sprachstörung auffiel.

Der Siebenjährige wurde von seinem Vater regelmäßig zur Schule gebracht, wo man sonst keine Auffälligkeiten feststellte. Auch die Mitarbeiterinnen der Spandauer Suppenküche, wo der Mann und seine Kinder regelmäßig mit Essen und Kleidung versorgt wurden, stellten bei der Anprobe keinerlei Anzeichen von Verwahrlosung fest. Sie schildern den 45- Jährigen als „liebevollen Vater“, berichtete die Stadträtin.

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