Berlin : Spannung bis zur letzten Minute

Die Stadt fieberte den ganzen Tag dem Spiel entgegen. Kurz vor dem Anpfiff leerten sich die Straßen

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Um 17 Uhr war es endlich soweit: Anstoß im Olympiastadion. Es schien, als seufzte eine ganze Stadt erleichtert auf, dass es endlich vorbei war, dieses Warten auf das Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Elf aus Argentinien.

Schon Stunden vor dem Spiel bestimmten bunt kostümierte Anhänger der Klinsmann-Elf das Bild. Manche hatten sich statt des Kostüms die Nationalfarben gleich auf die nackte Haut gemalt. Die argentinischen Fans hatten sich mittags vor dem S-Bahnhof Heerstraße verabredet. Am „Quilmes“-Truck trafen sie sich bei argentinischem Bier und deutscher Bratwurst. Vor allem aber zum Feiern und Flagge zeigen.

Auf der Fanmeile war das Fußballfest da bereits voll im Gange. Ein Mann hatte sich gerade erst zwei Riesenfahnen gekauft und umgehängt – die hellblaue mit dem weißen Mittelstreifen und der Goldsonne um die Schultern, drunter versteckt die schwarz-rot-goldene. Mit den argentinischen Farben fiel er auf, da vorne auf der Fanmeile, in der dichten Masse deutscher Fußballanhänger. „Ich wundere mich auch, dass ansonsten keine argentinischen Fans zu sehen sind.“ Ganz so voll wie bei früheren Deutschland-Spielen war es trotz Riesenandrangs dort aber nicht: Noch kurz vor Spielbeginn um 17 Uhr ließen die Ordner Besucher hinein. Drei Stunden zuvor wurden aber bereits die Ein- und Ausfahrt des Tiergartentunnels am Kemperplatz gesperrt, da hunderte Fans auf der Straße zum Fanfest unterwegs waren. Auch der S-Bahnhof Unter den Linden wurde gesperrt, die Züge fuhren durch. Die Ebertstraße war auf der Höhe Lennéstraße um diese Uhrzeit längst abgeriegelt, über Lautsprecher wurden die Fans auf Englisch und Spanisch an den nächsten Eingang zur Fanmeile verwiesen. Ob das Areal erweitert wird, solle voraussichtlich am heutigen Sonnabend entschieden werden, sagte Glietsch. Sollte Deutschland weiterkommen, sei eine Vergrößerung sinnvoll.

6000 Beamte schickte die Polizei am Tag des Viertelfinals auf die Straße, das waren etwa 1000 mehr als beim Spiel Deutschland gegen Ekuador. Bis zum späten Nachmittag gab es nichts, was Einsatzleiter Jürgen Klug in Sorge versetzte – im Gegenteil, am Rand der Fanmeile fingen Fans beim Anblick eines Polizeiautos immer wieder zu singen an: „Grün-weißer Partybus, sha-la-la-la-la...“. Mittags hatten Klug und Polizeipräsident Dieter Glietsch eine WM-Zwischenbilanz gezogen – und Berlinern und Besuchern für die Freundlichkeit und Disziplin gedankt. Die Zwischenbilanz ist bemerkenswert positiv: Die Zahl der Straftaten sei im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um nur 7,6 Prozent gestiegen. Angesichts der vielen Touristen, die derzeit in der Stadt sind, sei das völlig normal, hieß es. Klug wiederholte die Einschätzung, dass „beim Münchener Oktoberfest jeden Abend mehr los ist“. Bislang habe es 463 Festnahmen mit WM-Bezug gegeben, das Gros davon Banalitäten wie Taschendiebstahl oder Trickbetrug. 125 Mal wurden Personen nach Körperverletzungen festgenommen, darunter war kein einziger Hooligan, wie der Chef des Landeskriminalamtes Peter-Michael Haeberer betonte. Autodiebstahl sei um über 20 Prozent rückläufig, ob wegen stärkerer Polizeipräsenz oder fußballguckender Dieben, ist unklar. Im Rotlichtmilieu ist es, anders als von Frauenverbänden prognostiziert, bislang ruhig. Haeberer berichtete, dass bei Kontrollen in zehn Bordellen 80 Frauen angetroffen wurden – und nur vier Freier. „Kein einziger Fall von Zwangsprostitution“, hieß es. Auch Ticketfälschungen seien bislang nicht festgestellt worden. Bei Schwarzhändlern, die illegal Karten verkaufen wollten, wurden bislang 24 000 Euro Verkaufserlös beschlagnahmt. Tickets waren vor dem Stadion übrigens noch kurz vor Anpfiff zu haben – für 350 Euro.

10 000 bis 12 000 Argentinier wurden gestern im Stadion erwartet, so genannte Problemfans oder Gewaltbereite sollen nicht dabei sein. Möglicherweise seien unter den deutschen Fans einige Hooligans der Kategorie B oder der als besonders gewaltbereit geltenden Kategorie C. Eine Blockbildung innerhalb des Stadions werde es jedoch nicht geben, „insofern rechnen wir nicht mit Problemen“, sagte Klug.

Während am frühen Nachmittag zumindest auf den hinteren Teilen der Fanmeile noch ausreichend Platz für Picknick auf dem Mittelstreifen gewesen ruhig auf dem Kurfürstendamm entspannend können. Denn schlagartig hatten sich die sonst stark befahrenen Straßen geleert – ebenso wie die Einkaufspassagen. Im sonst quirligen KaDeWe herrschte Beschaulichkeit, und wenn ein Käufer zu sehen war, dann strebte er schnell dem Ausgang zu. Zwei ältere Frauen hatten es allerdings nicht eilig. Sie machten es sich bei einer Tafel Schokolade vor den Fernsehern in der Elektronik-Abteilung bequem.

Am Abend hätte sich ihnen dann noch ein kostensloses Fußball-Event bieten können – der Autokorso. Jedoch: Die Polizei angekündigt, am Abend Kurfürstendamm und Tauentzienstraße für Autos zu sperren. Nach dem Achtelfinale hatten dort 50 000 Fußgänger gefeiert. Da auch 1000 Autofahrer dort einen Korso veranstalten wollten, sei es immer gefährlichen geworden. Ha/AG/CD/lga/aha

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