Berlin : Sparen und trotzdem feiern

Wolfram Siebeck

Wenn ich Frau Hoffmann beobachtete, wie sie zur Fensterbank hochschaut, bewunderte ich ihre Vorsicht, mit der sie vor dem Sprung Maß nahm. So jedenfalls schätzte ich ihre Bewegungslosigkeit ein, bevor sie sprang. Heute weiß ich es besser. Die Fensterbank ist ihr zu hoch, der Sprung unbequem, und sie wägt nicht seine Gefährlichkeit ab, sondern das Verhältnis zwischen Anstrengung und Gemütlichkeit. Denn oben liegt ein Kissen direkt neben den Austrittschlitzen der Heizung. Ihr Lieblingsplatz. Sie sitzt bereits oben, als ich ins Zimmer komme.

„Erinnerst du dich noch an unsere Wohnung neben dem Adlon“, frage ich.

„Und ob! Es gab dort eine Fußbodenheizung, die war echt ...“

Sie hält inne. Ich nehme an, sie will die Heizung als echt cool loben, beendet ihre Hymne an Berlin aber mit dem matten Begriff: „... angenehm.“

„Weißt du, wer in das Haus einziehen wird?“

„Na, wer schon? Ist es Frau Merkel, der das Kanzleramt nicht gefällt?“

„Fast richtig! Es ist ihr Vorgänger, Ex-Kanzler Schröder.“

„Ich dachte, der wohnt jetzt in Russland, bei der Gasleitung.“

„Bestimmt nicht. Dann hätte er auf der Krim Russisch gelernt und nicht Englisch in Wales.“

„Krim? Ist das eine Abkürzung für Kriemhild?“

„Auf der Kriemhild kann man nur Deutsch lernen, und das kann er schon.“

Sie überlegt lange. Kann auch sein, dass sie einen Kurzschlaf hält. „In Berlin ist viel los, nicht wahr?“

„Wie man’s nimmt. Die Stadt ist verschuldet und bereitet sich auf Fußballfeste vor.“

„Gewinnt Hertha etwa die Weltmeisterschaft?“

„Unwahrscheinlich. Die Berliner feiern einfach gerne.“

„Ist das eine preußische Tradition?“

„Um Gottes Willen! Wenn beim Alten Fritz gefeiert wurde, dann blies er auf der Flöte, so sparsam sind die Preußen.“

„Und trotzdem verschuldet?“

„Das fällt unter ,Deutsche Tüchtigkeit’.“

„Was gehört noch dazu? Flötespielen?“

„Nein. Trommeln ist beliebter. Und Gesang.“

„Ja, ich weiß. Die Callas in Bayreuth.“

„Sie war Amerikanerin und nie in Bayreuth. Aber wir hatten mal einen Bundespräsidenten, der sang ,Hoch auf dem gelben Wagen.’“

„Ist er da raufgeklettert? Auf ein Postauto?“

„Da müsste ich im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nachsehen. Dort sollte es ausgestellt sein, neben dem Mantel von Helmut Kohl.“

„Ist da auch was von dir ausgestellt?“

Da Frau Hoffmann zur Ironie nicht fähig ist, meint sie das ernst. Ob sie enttäuscht ist, wenn ich gestehe, dass im Haus der Geschichte in Bonn oder im Literaturarchiv in Marbach nicht mal ein Einkaufszettel von mir liegt? Ich wechsle das Thema.

„Ich weiß ja, dass du dich nicht für Fußball interessierst. Aber ...“

„Einem Ball hinterherrennen“, unterbricht sie mich, „das ist was für Hunde!“

„Dann wird dich interessieren, dass der Berliner Fernsehturm in einen riesigen Fußball verwandelt wird. Als Wahrzeichen der Weltmeisterschaft.“

„Wie kann man einen Turm in einen Ball verwandeln? Wird er aufgeblasen?“

„Was sonst? Von Herrn Beckenbauer persönlich.“

„Wer ist das nun wieder?“

„Ein Aufgeblasener. Wie die anderen.“

Frau Hoffmann sagt nichts. Vielleicht stellt sie sich vor, wer die anderen sein könnten. Ich lasse ihr Zeit. Der Tag ist noch lang.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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