Spargelverkäufer : Leben von der Stange

Mit der neuen Saison sind die Spargelverkäufer zurück – zur Freude der Kunden. Manche holen das Gemüse selbst vom Hof, andere lassen sich beliefern.

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Frischer Spargel, loses Mundwerk. Monika Herrmann (rechts) liebt den Job an der frischen Luft und den Plausch mit den Kunden. „Aber wer mir doof kommt, kriegt keen Spargel“, sagt sie.
Frischer Spargel, loses Mundwerk. Monika Herrmann (rechts) liebt den Job an der frischen Luft und den Plausch mit den Kunden....

Monika Herrmann nimmt kein Blatt vor den Mund: „Gehn’se mal mit Ihrer ollen Zigarette vom mei’m Spargel weg“, befiehlt sie dem groß gewachsenen Mann, der mit Frau und Hund an ihrem Stand stehen bleibt. Der Mann ist nicht etwa beleidigt, sondern nickt beifällig: „Das habe ich den ganzen Winter lang vermisst“, sagt er. „So ist sie eben. Wir kaufen nur bei ihr. Schön, dass sie wieder da ist.“ Seit acht Tagen steht Monika Herrmann wieder hinter ihrem Spargelstand in der Clayallee Ecke Dünkelbergsteig in Wilmersdorf. Ab und zu besprüht sie die Stangen in den Behältern vor sich mit Wasser. „Der sieht super aus“, sagt ein Mann: „Wie viel braucht man denn pro Person?“ Die Verkäuferin antwortet: „Ein Pfund etwa, ein guter Esser schafft auch mehr.“ Der Mann will wissen, was der Unterschied zwischen dem teuersten Spargel für 14,95 Euro und dem billigsten für 7,50 Euro ist. „Alles eine Sorte“, sagt Monika Herrmann: „Alles vom selben Anbauer in Beelitz. Der Unterschied besteht in der Dicke und in der Form.“

Der Mann schaut verständnislos: Ganz einfach, sagt die Frau am Stand: „Wenn’se Angela Merkel einladen, nehmen’se den graden. Sie wollen sich doch nicht blamieren, oder? Und wenn’s nur die Schwiegermutter ist …“

Ein Lieferwagen bremst, zwei Frauen kaufen schnell vier Kilo, sie fahren noch an diesem Tag in die Lüneburger Heide. „Da war ich noch nie“, sagt Monika Herrmann: „Aber mein Spargel, der fährt überall hin. Der kommt um die halbe Welt.“

Dann zählt die 63-Jährige auf, wer schon alles bei ihr gekauft hat: Diplomaten aus Afrika und Japan. Manfred Krug und der amerikanische Botschafter. Und der Koch des Botschafters. „Aber wer mir doof kommt, kriegt keen Spargel“, sagt Monika Herrmann, und erzählt, dass sie gerade wieder einen weggeschickt habe, der sie von oben herab behandelte. „Der hat gesagt, er sei Chirurg. Na und? Ist er deshalb was Besseres?“

Für Monika Herrmann, die in ihrem früheren Leben Fotografin war, hat Spargelverkaufen viel mit Freiheit zu tun. Vor 15 Jahren hat sie sich als Spargelhändlerin selbstständig gemacht, weil sie an der frischen Luft und ihr eigener Herr sein wollte. Als zweites Standbein betreibt sie ein kleines Seminarzentrum, vermietet Räume, organisiert Veranstaltungen.

Im Winter gibt es den Stand nicht, umso glücklicher ist Monika Herrmann, wenn es Frühling wird. „Dann trifft man alle wieder“, sagt sie: „Die Freunde und die Feinde. Die Gesunden und die Kranken und die, die krank geworden sind über’n Winter.“ Sie kennt traurige Schicksale und lustige Geschichten. Man erlebt einiges am Spargelstand. Einmal kam die Polizei mit acht Leuten angestürmt. „Das war, als noch viele Polen hier illegal verkauft haben“, erzählt sie: „Ich habe gesagt, sie sollen mal langsam machen, Mensch. Acht Polizisten auf mich einzige Frau. Da hätte doch eener genügt. Und alles von unser’n Steuergeldern.“

Es sind diese Sprüche, die ihr Spaß machen, aber auch der Kontakt zu den Menschen. Morgens gegen 8.30 Uhr kommt ihr Lieferant mit dem frischen Spargel, baut den Stand auf – der darf über Nacht nicht stehen bleiben – und dann verkauft sie bis 18 Uhr: Spargel und Schäler, Sauce Hollandaise und festkochende Kartoffeln. Später kommen Erdbeeren hinzu, dann Kirschen, Brombeeren, Himbeeren – bis September dauert die Saison.

Dass an den Ständen oft Zeit für ein Schwätzchen bleibt, finden nicht nur Kunden, sondern auch viele andere Spargelverkäufer angenehm. In der Clayallee 68 verkauft Benjamin Guhse Beelitzer Spargel. Der 28-Jährige scherzt mit Stammkunden und bietet neuen Kunden immer wieder auch die selbst gemachten Marmeladen seiner Mutter Lisa an. Benjamin Guhse holt den Spargel um fünf Uhr morgens vom Erzeuger, steht dann von 10 bis 19 Uhr am Stand. „Aber ich liebe die frische Luft“, sagt er. In der kalten Jahreszeit arbeitet er beim Winterdienst.

Nicht alle Spargelverkäufer sind selbstständig. Karin Baum, die am Spargelstand in der Drakestraße, Ecke Mommsenstraße in Lichterfelde steht, ist stundenweise angestellt und arbeitet auch als Masseurin und Yogalehrerin. Manche wundern sich, wenn sie im schönsten badischen Dialekt den Beelitzer Spargel anpreist. Doch der sei genauso gut wie der zu Hause in Karlsruhe, sagt sie. Ein Kunde will wissen, was den Unterschied zwischen violetten und weißen Spitzen ausmacht. Die violetten sind etwas kräftiger im Geschmack, erklärt Karin Baum.

Außerhalb Berlins sinkt der Spargelpreis. An der Osdorfer Straße gleich hinter dem Ortsausgangsschild kostet das Kilo – egal ob dick oder dünn, krumm oder gerade – nur noch sieben Euro. Hier verkauft Wilfried Schulze die Stangen. Auf Wunsch schält er sie auch. Schulze bietet auch Stiefmütterchen an, die er auf seinem Hof bei Trebbin zieht, und bald eigene Erdbeeren. Den Spargel holt er beim Anbauer. Manchmal fragen die Kunden, ob die Stangen auch wirklich aus Beelitz sind. Dann zeigt er ihnen die Quittung vom Ankauf. Zwanzig Jahre steht Wilfried Schulze schon hier am Berliner Mauerweg, wo gerade die japanischen Kirschbäume blühen. Er wird auch am Ostersonntag und -montag Spargel verkaufen – genau wie Monika Herrmann, die ihre Preise über die Feiertage nicht senkt. „Er ist frisch, das schätzen die Kunden“, sagt sie. Nur einige seien misstrauisch, weil sie im Supermarkt viel billigeren Spargel bekämen. „Aber der war oft ein paar Tage im Kühlhaus, der ist nicht frisch“, sagt Monika Herrmann, und wiegt zwei Herren mit Anzug, Schlips und Laptop die geforderte Menge ab.

„Wieso ist das nicht genau ein Kilo?“, fragt einer. „So’ne Spargelstange uffm Feld, die hat halt keene Waage“, antwortet die Verkäuferin: „Die weeß eben nich, wann’se aufhören muss mit dem Wachsen wegen dem genauen Kilo“. Der Geschäftsmann schaut etwas angesäuert. „So’ne Antwort kriegt man nur in Berlin“, sagt er zu seinem Begleiter. „So isses“, antwortet Monika Herrmann fröhlich.

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