Berlin : Spaß auf zwei Rädern: Von Wespen und Schwalben

Margret Steffen

Eine Vespa, eine Zulassung, zwei Helme: In der Yorckstraße gibt es Sommerlaune zu kaufen. Philipp Gefeke und Mandy Kluske aus Tempelhof unterschreiben den Kaufvertrag. "Mein Freund hat schon so lange gedrängelt, alle seine Kumpels fahren Vespa", sagt sie. "Wenn dir die Sonne auf die Arme brennt, ist Vespa-Fahren ein bisschen wie Urlaub", schwärmt er. Philipp verbreitet Beachstimmung - helle Sachen, kurze blonde Haare, Holzperlenkette. Die Vespa trägt Techno-Orange. "Du bist unglaublich beweglich damit", sagt der 25-Jährige und schnurrt samt Freundin vom Hof.

Ladeninhaber Bernd Voigt hat unterdessen zwei gebrauchte Vespas am Telefon verkauft und vier neue Anfragen abgewiesen. "Die sind alle schon weg", sagt er den Enttäuschten, die sehnsüchtig nach den Rollern äugen. Berlin hat Vespa-Hunger. Seit 1999 verkauft Voigt die Roller - neue und gebrauchte, die er lastwagenweise aus Italien holt. "Wir können das Loch kaum stopfen", sagt Voigt, die Gebrauchten seien schon alle weg wegen des schönen Wetters. "Kultfahrzeuge" seien sie, attraktiv angesichts von Parkplatzkampf und hohen Benzinpreisen.

Voigt hat Kunden mit Hingabe. Wie den Rechtsanwalt aus Zehlendorf, der mit seiner Vespa Chassis jeden Tag zum zugeparkten Amtsgericht fährt. Ein Unfall beförderte jedoch den mintgrünen Oldie in den Vespahimmel. Voigt bastelte die Reste der Chassis auf einem anderen Fahrgestell wieder zusammen, denn "der wollte sie unbedingt wieder haben, egal wie. Und jetzt möchte er noch eine zweite."

Vespa-Roller sind rund, edel und mediterran. So schwärmt Heiko Paluschka über seine silberne Piaggio. "Das ist so ein Italien-Feeling, eben von Eisdiele zu Eisdiele", beschreibt der 33-Jährige das Zweirad-Gefühl. Der Fernsehjournalist, aus Bonn hergezogen, kurvt damit nicht nur zur Arbeit, sondern am 1. Mai auch schon mal zwischen Kreuzberger Straßenkämpfern hindurch. An Umsatteln ist da nicht zu denken: "Die Schwalben sind zwar kultig, aber superhässlich", sagt Heiko über das Gegenstück der Firma Simson aus Suhl. Vielleicht mache die übermäßige Unsportlichkeit der Schwalbe ihren Kult aus - oder die Westler, die auf Ost-Kultur abfahren. Aber: "Schwalben sind was für Tüftler. So eine neue Vespa, die fährt erstmal eine Weile." Genau deswegen fährt man Schwalbe, sagt Stefan Mayer. Seit sechs Jahren ist der 29-jährige Architekturstudent aus Mitte auf der Vespa-Konkurrenz unterwegs. "Schwalbe ist für mich Berlin-Gefühl. Ich habe das immer mit der Stadt in Verbindung gebracht", sagt der Münchner. Billig sei sie und außerdem leicht zu reparieren.

In den Ostbezirken Berlins blüht der Handel mit den Schwalben und ihren Ersatzteilen. "Es werden immer mehr", sagt Dieter Schmidt aus dem Prenzlauer Berg, "man staunt, woher sie kommen." Weil jetzt so mancher noch eine Schwalbe im Keller ausgrabe, komme natürlich auch immer mehr Schrott dazu. Viele Bastler gebe es, die wenig Geld für ein Fahrzeug ausgeben wollen. "Aber wer Taler hat, bringt seinen Roller auch richtig in Ordnung", sagt Schmidt.

Inzwischen hat Schwalbe-Fahren viel mit Nostalgie zu tun. Nach der Wende hätten vielleicht viele Ostberliner erstmal keine Lust auf Schwalben gehabt, vermutet Schmidt, "aber jetzt ist das plötzlich ein Nimbus geworden - die Geschwindigkeit ist eben auch interessant." Denn Schwalben sind als einzige Motorroller bis 60 km/h zugelassen. Das sei so ein kleiner Spaß, sagt Schwalbenfahrer Stefan, Vespafahrer an der Ampel zu provozieren. "Die ziehen vielleicht schneller an, aber nach 50 Metern hänge ich sie ab."

Die Widrigkeiten, mit denen Rollerfahrer außerdem zu kämpfen haben, sind übrigens typenoffen. Vor allem Berlins Autofahrer müssten noch viel lernen: "Die kriegen Aggressionen", sagt Stefan Mayer. "Blanker Hass" schlage ihm aus Bussen und Taxis entgegen, "und wenn man dann am Stau vorbeiheizt und wieder einschert, rasten manche schon aus." Bis italienische Verhältnisse in Berlin herrschen, weiß Stefan einen Trick: "Ich fädele mich möglichst nur ein, wenn eine Frau im Auto sitzt."

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