Berlin : Spaßbad statt Sportbad

SPD will wie der Bäderchef vier neue Anlagen. Wowereit ist aber der Gesundheitsaspekt wichtig.

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Vier neue Schwimmbäder will die SPD in Berlin errichten – oder bestehende Bäder zu einem kombinierten Frei- und Hallenbad umbauen. Als Standorte werden Lichtenberg (im Tierpark), Pankow (Wolfshagener Straße), Charlottenburg (Olympiabad) und Mariendorf ins Auge gefasst. Der Neubau in Lichtenberg soll auch den Bedarf von Freizeitschwimmern in Marzahn-Hellersdorf abdecken. Das dringend sanierungsbedürftige, denkmalgeschützte Olympiabad könnte um ein Hallenbecken erweitert werden. In Mariendorf wird ein Standort noch gesucht. Alles ist aber noch in der Diskussion und würde mehr als 100 Millionen Euro kosten, zu zahlen aus dem Landeshaushalt.

Besprochen wurden die Ideen zur Modernisierung der Bäderlandschaft auf der Jahresklausur der SPD-Fraktion in Braunschweig. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit reagierte noch skeptisch, aber sagte immerhin: „Wenn es sinnvoll ist, sollte man neu bauen anstatt zu sanieren“. Zunächst „exemplarisch an einem Standort“. Und er hielt es in seinem Diskussionsbeitrag auch für „alternativlos, dass die öffentlichen Zuschüsse für die Bäderbetriebe steigen müssen“. Über Bauinvestitionen müsse aber in Ruhe diskutiert werden. Wowereit erinnerte daran, dass die Daseinsvorsorge für Schulen und Vereine und der Gedanke der Volksgesundheit weiterhin im Vordergrund stehen müsse. „Es ist noch keiner davon gesund geworden, dass er im Spaßbad sitzt und Caipirinha trinkt.“

Der Chef der Bäder-Betriebe, Ole Bested Hensing, der als Gastredner eingeladen war, beklagte einen Instandhaltungsrückstau von 85 Millionen Euro bei den Berliner Bädern. Außerdem fehlen seiner Einschätzung nach weitere 300 Millionen Euro, um die Bäder an die heutigen Ansprüche anzupassen. Seit dem Jahr 2000 hätten sie 42 Prozent ihrer Kunden verloren, sagte Hensing. Die Jahreseinnahmen seien im selben Zeitraum von 37,7 auf 20,5 Millionen Euro gesunken. Das reiche nur aus, um 20 Prozent der Kosten zu decken. In Hamburg liege die Kostendeckungsquote bei 61 Prozent, in München bei 54 Prozent.

Nach Meinung Hensings sind die Bäder in Berlin zu sehr sportorientiert und erreichten damit vor allem die „oberen Bevölkerungsschichten“. Und viele Bäder seien nicht attraktiv. Er wünschte sich, dass die jährlichen Zuschüsse um 7,5 Millionen Euro auf 57,5 Millionen Euro aufgestockt werden. Vier Bäder sollten sofort und jährlich weitere zwei Bäder stillgelegt werden. Stattdessen schlug er den Neubau hoch attraktiver, „freizeit-und erlebnisorientierter“ Kombibäder vor. Mit Saunalandschaft, Liegebereichen, einem 50-Meter-Becken in der Halle, Sprungbecken und einem 25-Meter-Freizeitbecken unter freiem Himmel. Kostenpunkt: 38 Millionen Euro. Finanzieren will Hensing das über den Verkauf der Grundstücke stillgelegter Bäder, die Einsparung von Instandsetzungsausgaben und einem öffentlichen Investitionsbeitrag.

In einer Resolution sprach sich die SPD-Fraktion grundsätzlich für den Neubau von Bädern aus – orientiert am objektiven Bedarf. Ein Denkverbot dürfe es nicht geben. Ulrich Zawatka-Gerlach

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