Spaziergang für Spione : Teufelsberg lässt sich ab Sonntag besichtigen

10.02.2011 21:31 Uhrvon
  • Der Teufelsberg ist eine der höchsten Erhebungen der Stadt. Laut einer Neuvermessung misst er nicht nur knapp 115, sondern 120,1 Meter. Auf ihm zu sehen ist ein Stück Berlin, das lange verbotenes Gelände war. Foto: AFP
    Der Teufelsberg ist eine der höchsten Erhebungen der Stadt. Laut einer Neuvermessung misst er nicht nur knapp 115, sondern 120,1 Meter. Auf ihm zu sehen ist ein Stück Berlin, das... - Foto: AFP
  • Die weißen Türme der Anlage auf dem Berg im Grunewald sind von weither zu sehen. Foto: AFP
    Die weißen Türme der Anlage auf dem Berg im Grunewald sind von weither zu sehen. - Foto: AFP
  • In ihnen befanden sich bis 1991 die Antennen, mit deren Hilfe US-Amerikaner und Briten den militärischen Funkverkehr in der DDR und anderen damaligen Ostblockstaaten verfolgten. Foto: AFP
    In ihnen befanden sich bis 1991 die Antennen, mit deren Hilfe US-Amerikaner und Briten den militärischen Funkverkehr in der DDR und anderen damaligen Ostblockstaaten verfolgten. - Foto: AFP

Die US-Ruine verrottet, wird zerstört – und heimlich immer wieder besucht. Jetzt bietet ein 25-Jähriger ganz offiziell Führungen auf dem Teufelsberg an.

Inoffiziell ist die einstige Abhörstation der Amerikaner und Briten auf dem Teufelsberg längst ein beliebtes Ziel für Spaziergänger – obwohl sie eingezäunt ist und das Betreten bisher verboten war. Dennoch gebe es „ganze Familienausflüge mit Kindern und Oma“, sagen Wachschützer, die sonntags bis zu 80 ungebetene Gäste zählen. Ständig würden Lücken in den Zaun geschnitten, „so schnell können wir gar nicht reparieren“. Und leider zeigen Zerstörungen, dass nicht nur Ausflügler kommen, um die Aussicht in 115 Metern Höhe zu genießen.

Jetzt wird das Interesse in legale Bahnen gelenkt: Ab Sonntag bieten der Stadtführer Andreas Jüttemann und die Sicherheitsfirma Emge Führungen an.

Der 25-jährige Jüttemann ist eigentlich kein Historiker, sondern Kulturpsychologe, hat aber bereits Bücher über Zehlendorf und Kleinmachnow verfasst – und ist von der ehemaligen Heimstatt der Spione fasziniert, seit er diese als 14-Jähriger erstmals sah. Umso mehr wundert ihn, dass „noch niemand auf die Idee gekommen war, Führungen zu machen“.

20 Jahre nach ihrer Schließung ist die Abhörstation in desolatem Zustand. Teilnehmer der Führungen müssen mindestens 14 Jahre alt sein und versichern, dass sie auf eigene Gefahr mitgehen. In Böden klaffen Löcher, Wände fehlen, und ein Großteil der markanten Turmfassaden aus weißem Kunststoff flattert zerschnitten im Wind. Jüttemann staunt über das Ausmaß des Vandalismus und die Energie der Täter. Selbst aus dem offenen Aufzugsschacht in der größten Antennenkuppel hat jemand Kabel herausgerissen, obwohl ein Sturz dort tödlich wäre. Zudem ist die Anlage von Schutt, Bierflaschen und Graffiti übersät. Das Areal wirkt wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz, Müllkippe und der Kulisse eines Endzeitfilmes. Tatsächlich wurde hier zuletzt für den Vampir-Streifen „Wir sind die Nacht“ gedreht, bald sollen Aufnahmen für einen Kinder-Actionfilm folgen. Modelabels veranstalten Fotoshootings, und im vorigen Sommer feierte eine Werbeagentur eine Party mit hunderten Gästen.

Möglich sind solche Events und die Führungen, weil Sicherheitsdienst-Chef Gerd Emge eine Vereinbarung mit den privaten Eigentümern geschlossen hat. Nach dem Scheitern eines Bauprojekts hatten diese ab 2003 keinen Wachschutz mehr bezahlt und so den Verfall beschleunigt. Doch seit 2010 ist Emges Firma kostenlos im Einsatz – dafür darf sie das Areal nutzen und vermieten. Nach demselben Modell sichert Emge übrigens den ehemaligen „Spreepark“ in Treptow.

Stadtführer Jüttemann schöpft sein Wissen über den Teufelsberg aus verschiedensten Quellen, einmal wurde er sogar von einem britischen Soldaten durch die einst streng gesicherte Anlage geführt und erfuhr, dass die Militärs und Geheimdienstleister einen anstrengenden Job hatten: „Es gab keine Fenster, man musste neun Stunden lang bei Neonlicht den osteuropäischen Funkverkehr abhören.“

Da Jüttemann ein mehrsprachiges kleines Team hat, kann er die zweistündigen Führungen zusätzlich auf Englisch, Polnisch und Tschechisch anbieten. Dabei wird es auch um die Ursprünge des Bergs gehen, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Häusertrümmern aufgeschüttet worden war. Zuvor hatten die Nazis am Fuße des Berges den Rohbau einer „Wehrtechnischen Fakultät“ errichtet. Wie es auf dem Berg weitergeht, ist offen: Nach langem Leerstand hatte die Stadtentwicklungsverwaltung das Areal zum Waldgebiet erklärt, in dem nicht mehr gebaut werden darf. So scheiterten Pläne der „Maharishi-Weltfriedensstiftung“ für eine „Friedensuniversität“. Zuletzt wollten die Grundstückseigner um den Kölner Architekten Hartmut Gruhl bis zu 50 Lofts und anderes in den Altbauten schaffen. Doch auch dies verweigern die Ämter. Erlaubt – und wünschenswert – wäre aus Sicht des Senats und der Bezirks ein Ausflugslokal.

Erste Führungen beginnen am Sonntag und Montag um 14 Uhr vor dem Ökowerk am Ende der Teufelsseechaussee und kosten 15, ermäßigt sechs Euro. Internet: www.berlinsightout.de, Telefon: 804 033 90.

Dienstag lädt das Alliierten-Museum, Clayallee 135 in Zehlendorf, um 18.30 Uhr zur Veranstaltung „Spurensuche an einem Denkmal des Kalten Krieges“ ein, bei der TU-Studenten Forschungsergebnisse zum Teufelsberg vorstellen.

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