Berlin : SPD-Gedenkstättenfahrt: Ein Signal der Solidarität

Brigitte Grunert

Kein Wölkchen am blauen Himmel, wohltemperiert ist der goldene Herbsttag, farbenprächtig glüht das Laub, oh Täler weit, oh Höhen. Von einem Kirchlein her läuten die Glocken feierlich zur Sonntagsmesse. Das müssen doch auch die geschundenen Häftlinge von Mauthausen gesehen und gehört haben. Und was dachten sich die Bewohner in so einer Idylle, wenn sie nach dem KZ auf dem Berg blickten, das von Ferne aussah, wie sich die Nazis eine mittelalterliche Burg vorstellten?

Gedenkstätten spiegeln nie die ganze Wirklichkeit dessen wider, was sich an diesen Orten abgespielt hat. Picobello restauriert sind die Häftlingsbaracken, die lange, breite Barackenstraße war Appellplatz. Ohne die Konfrontation mit Zahlen, Daten, Fakten und Erzählungen würde das Bild dem Besucher kaum eine Vorstellung vom Grauen vermitteln. Peter Strieder, schwarz-grauer Anzug, graue Krawatte, legt morgens vor neun am Mahnmal einen Kranz der Berliner Sozialdemokraten für die geschundenen Opfer nieder, gelbe Gerbera, weiße Astern "gegen das Vergessen". 160 Mitfahrer sehen stumm zu. 100 000 von insgesamt 200 000 Häftlingen wurden von 1938 bis 1945 in Mauthausen durch Arbeit vernichtet, zu Tode gequält oder ins Gas geschickt.

Die Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern sind bei der Berliner SPD Tradition seit 1985. Auch der Schauspieler Wolfgang Völz ist wieder dabei, Ehrensache zwischen zwei Drehterminen in England und München. Völz ist wie sein Freund Walter Momper, Klaus Uwe Benneter und andere Prominente und Namenlose ein "alter Gedenkstättenfahrer". Ein einfacher CDU-Mann aus Tegel ist ebenfalls dabei. Wieso? Schlicht weil seiner Partei so eine lehrreiche Fahrt in die Geschichte des grausamen Jahrhunderts nie eingefallen ist.

Bartek Wardecki ist 19, geboren in Warschau, Genosse aus Strieders Kreuzberger SPD-Abteilung. Im Krematorium Mauthausen entdeckt er an der Wand mit den Gedenktafeln von Angehörigen der Opfer auch die, die er selbst für den Urgroßvater und den Großonkel angebracht hat. Mehrfach war er mit der Familie dort. Der Großonkel war so alt, wie Bartek heute ist, als ihm die Todesspritze verabreicht wurde. Vor ein paar Jahren bekam die Familie die Armbanduhr des Urgroßvaters zugeschickt; im KZ herrschte Ordnung. "Je älter ich werde, umso mehr ergreift es mich", sagt Bartek. Es fällt ihm schwerer, nach Mauthausen zu fahren, aber zugleich zieht es ihn hin. Er kann Interesselosigkeit gegen den braunen Bodensatz, gegen rechtsextremistische, antisemitische, ausländerfeindliche Anschläge nicht verstehen.

Ursula Partzsch ist 68 und stammt aus Lodz. Auch ohne KZ haben ihr die Nazis eine grauenhafte Kindheit beschert. Sie wurde der polnischen Mutter auf Veranlassung des deutschen Nazi-Vaters zwecks "Germanisierung" entrissen; die Mutter wurde als Zwangsarbeiterin nach Oranienburg geschickt. In einem Heim lernte Ursula Kinder aus Lidice kennen. Mit 14 wurde sie 1946 in Berlin in den Zug nach Lodz gesetzt. Mutterseelenallein suchte und fand sie die Mutter. 1979 heiratete sie einen DDR-Bürger. Seitdem lebt sie in Berlin, inzwischen Deutsche, Entschädigung keine. "Wenn ich morgens geweckt werde, stehe ich noch heute in einer Sekunde kerzengerade neben dem Bett, das ist seit damals so drin", sagt Frau Partzsch. Einige Kinder von Lidice sah sie vor ein paar Jahren wieder. Der Kontakt kam dank einer Ausstellung in Reinickendorf über deren Schicksal zu Stande.

Polen, russische Kriegsgefangene, antifaschistische spanische Bürgerkriegskämpfer, Ungarn, jüdische, Juden, Christen - Mauthausen war ein internationales Lager. Aus dem nur 15 Kilometer entfernten Linz, der "Lieblingsstadt des Führers", die als erste meldete, sie sei "judenfrei", war niemand dort. 500 russische Kriegsgefangene bekamen nicht einmal eine Nummer, sondern nur ein K-Zeichen, das Kürzel für Kugel. Man sonderte sie aber zum Verhungern ab. Fast alle wurden bei einem verzweifelten Ausbruch erschossen. Die Episode ging als "Hasenjagd" in die Terror-Geschichte ein. Ganz wenige überlebten.

Bartek geht mit gesenktem Kopf die steile "Todesstiege" nach unten in den Steinbruch, zur Gedenkstunde, den Weg seiner Ahnen. Strieder hält eine Ansprache, ein hochbetagter überlebender Häftling erzählt vom KZ-Alltag. Die Besucher fröstelt es in der warmen Sonne. Hier wurden Steine für die gigantischen Baupläne in Linz gebrochen. Noch im Februar 1945 ließ sich Hitler Architekturzeichnungen in den Bunker der Reichskanzlei kommen. Hitler-Bauten in Linz? Arbeiterwohnungen nennt man immer noch so. Sonst gibt es nur die Nibelungenbrücke über die Donau.

Ebensee ist ein gemütlicher Ort zwischen wild romantischen Bergen im Salzkammergut. Wo das Außenlager von Mauthausen war, stehen seit den fünfziger Jahren hübsche Häuser. Flüchtlinge und Vertriebene siedelten dort. Eine Bürgerinitiative störte das Vergessen und setzte die späte Gedenkstätte durch, an der Strieder wieder einen Kranz niederlegt. Eine riesige unterirdische Halle im Berg zeugt vom KZ-Außenlager. Zunächst war sie zur Verlagerung der Raketenversuchsanstalt Peenemünde gedacht, dann für eine Ölraffinerie zur Treibstoffherstellung. Ebensee ist ein Beispiel für das späte Brechen des Schweigens. Tu felix Austria konnte zum Glück nicht vergessen.

Die Berliner Genossen wollen mit ihrer Reise ein Signal gegen den braunen Bodensatz und der Solidarität mit den österreichischen Genossen gegen die Haiderei setzen. Aber bei den Gesprächen mit Spitzengenossen hören sie Klagen über die EU-Sanktionen gegen die ÖVP/FPÖ-Regierung. Die Österreicher fühlen sich gekränkt, gerade die SPÖ bekomme das zu spüren. Schröder möge doch mal in Österreich Urlaub machen, meint einer beim Wein.

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